Anzeige

Gräber, Hehler und ein Bronzezeitfund

Die Himmelsscheibe von Nebra

Sie ist das berühmteste astronomische Zeugnis der europäischen Bronzezeit – und ein UNESCO- Dokumentenerbe. Doch um ein Haar wär sie für immer in undurchsichtigen Kanälen verschwunden. Denn die Fundgeschichte der Himmelsscheibe von Nebra ist ein echter Krimi. Die Akteure: Zwei Raubgräber, einige zwielichtige Kunsthändler und Hehler und ein Archäologe.

Der Fundort der Himmelscheibe im Ziegelroder Forst © Medien-GbR.de/ CC-by-sa 3.0

Fund im Waldboden

Der Krimi beginnt im Sommer 1999 in einem Waldstück in Sachsen-Anhalt. Zwei Männer durchstreifen den Ziegelroder Forst unterhalb der Kuppe des Mittelbergs bei Nebra und sondieren den Waldboden mit Metalldetektoren. Sie suchen nach archäologischen Funden, vor allem Waffen oder Schmuckstücke, die sie zu Geld machen können. Ihre Chancen stehen gut, denn in diesem Gebiet sind bereits rund 800 bronzezeitliche Hügelgräber bekannt.

Plötzlich piept das Gerät laut – ein Fund. Die beiden Raubgräber beginnen im Waldboden zu graben und stoßen schnell auf eine runde, etwa 30 Zentimeter große, schwärzlich verfärbte Platte. Doch diese interessiert sie zunächst wenig. Viel spannender finden sie die beiden mit Gold verzierten Schwerter, einige Armreifen und Beile. Die beiden Raubgräber raffen die Fundstücke samt der beim Ausgraben leicht beschädigten Scheibe zusammen und versuchen wenig später, ihre Beute zu Geld zu machen.

Die mit der Scheibe gefundenen goldverzierten Bronzeschwerter © Dbachmann/ CC-by-sa 3.0

Undercover-Einsatz für einen Archäologen

Von einem Kölner Hehler bekommen sie 31.000 D-Mark für den Fund – für die beiden Amateur-Raubgräber viel Geld, aber gemessen am tatsächlichen Wert der Funde viel zu wenig. Das wissen auch die verschiedenen zwielichtigen Händler, durch deren Hände die Fundstücke gehen. Keiner von ihnen aber erkennt, um was es sich bei der unscheinbaren Scheibe handelt. Stattdessen versucht einer von ihnen sogar, das verschmutzte Stück mit Stahlwolle zu reinigen. Als dann einer der Händler die Stücke auch verschiedenen Museen anbietet, werden die Behörden hellhörig.

Um die Funde zu sichern und die Hehler zu überführen, planen sie eine fernsehreife Undercover-Aktion: Harald Meller vom Landesamt für Archäologie von Sachsen-Anhalt gibt sich als interessierter Käufer aus und vereinbart im Februar 2002 ein konspiratives Treffen mit den Hehlern in einem Hotel in Basel. Doch kaum hält er die Funde in den Händen, schreitet die Schweizer Polizei ein und nimmt die Hehler, eine Museumspädagogin und einen Lehrer, fest. Die beiden Raubgräber werden 2003 ebenfalls gefasst und geben Auskunft über den genauen Fundort der Scheibe nebst Beifunden.

Anzeige

Vom Schmutz dwer Jahrtausende befreit: die Himmelsscheibe von Nebra © Anagoria/ CC-by-sa 3.0

Mindestens 3.700 Jahre alt

Schon erste Untersuchungen der rätselhaften Scheibe enthüllen Sensationelles: Denn das so unscheinbare Fundstück besteht aus Bronze und ist mit astronomischen Symbolen aus Goldblech bedeckt – einer Sonne oder einem Vollmond, einer Mondsichel, punktförmigen Sternen und am Rand goldenen Bögen. Das Gold ist mit der sogenannten Tauschiertechnik an der Bronzeplatte befestigt. Dafür wird eine Rille in die Bronze gekerbt und dann der Rand des Goldblechs dort hineingepresst und verklemmt. Diese Art der Metallverarbeitung ist in Europa seit der Bronzezeit bekannt.

Aber wie alt ist dieses Kunstwerk – stammt es womöglich tatsächlich aus der Bronzezeit? Die Scheibe selbst lässt sich schwer datieren, denn sie enthält keinen Kohlenstoff, der mit Hilfe der Radiokarbonmethode hätte bestimmt werden können. Einen Anhaltspunkt bieten aber die Begleitfunde: Am Stil der Schwerter und Armreifen erkennen die Archäologen, dass diese etwa 1600 vor Christus von ihren Besitzern vergraben wurden – und damit in der Bronzezeit.

Heute gehen Archäologen davon aus, dass die Himmelsscheibe von Nebra zwischen 3.700 und 4.100 Jahre alt ist – und damit einmalig in der Archäologie. Ihr Alter, ihre Kunstfertigkeit und die Motive machen diese Scheibe zu einem der zehn wichtigsten Objekte der Archäologie überhaupt, wie Meller erklärt.

Was aber stellt die Himmelsscheibe dar – und wozu diente sie?

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. weiter

Nadja Podbregar
Stand: 28.11.2014

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Himmelsscheibe und Sonnenwagen
Astronomie und Himmelskalender der europäischen Bronzezeit

Stumme Zeugen
Reise in das Europa der Bronzezeit

Gräber, Hehler und ein Bronzezeitfund
Die Himmelsscheibe von Nebra

Siebengestirn und Mondsichel
Die Himmelsscheibe als Anzeiger für den Frühlingsanfang

Der Brocken und die Sonnwenden
Was bedeuten die Horizontbögen der Himmelscheibe?

Die dicke Mondsichel
Himmelsscheibe als Anzeiger für Schaltjahre?

Das Rätsel der Spiralen
War der Sonnenwagen von Trundholm ein Kalender?

Kreise, Rauten, Sonnenstrahlen
Die Goldhüte und ihre Kalenderfunktion

Diaschauen zum Thema

News zum Thema

Bronzezeit-Menschen webten Stoffe aus Brennesseln
2.800 Jahre altes Grabtuch wirft neues Licht auf prähistorische Textilherstellung

Geheimnisvolle Bronzezeit-Kultur in der Steppe entdeckt
Archäologen finden bemerkenswerte Zeugnisse einer vergessenen Kultur im Trans-Ural

Elsass: Fast 4.000 Jahre alter Bronzedolch ausgegraben
Abri Saint Joseph wurde 10.000 Jahre als Siedlungsstelle genutzt

Was aßen Bronzezeitler?
Forscher untersuchen Ernährungsgewohnheiten in Norddeutschland

Dem Gold von Nebra auf der Spur
Auf der Suche nach dem geochemischen Fingerabdruck der Himmelsscheibe

Dossiers zum Thema