Giganten in „Eissärgen“ - scinexx | Das Wissensmagazin
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Auf der Suche nach Relikten der Eiszeit

Giganten in „Eissärgen“

Arktis: Ewiges Eis © NOAA

73° nördlicher Breite und 105° östlicher Länge – wir befinden uns auf der Taimyr-Halbinsel in Sibirien im Jahr 1997. Der Nomade Gennadi Jarkow stößt hier weit nördlich des Polarkreises beim Hüten von Rentieren zusammen mit einem Stammesgenossen auf zwei riesige Stoßzähne. Wie zwei überdimensionale „Hinweisschilder“ weisen sie in den knallhart gefrorenen Dauerfrostboden Sibiriens.

Die beiden Dolganen wissen genau, was sie da entdeckt haben: die sterblichen Überreste eines Mammuts. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen die Stoßzähne freizulegen und abzutransportieren. Vielleicht können sie ihren sensationellen Fund ja später irgendwie Gewinn bringend verkaufen.

Und sie haben tatsächlich Glück. Der französische Unternehmer Bernard Buigues ist ebenfalls in der Region unterwegs. Er ist nicht nur ein bekennender „Mammut-Fan“, er sucht auch seit einiger Zeit den Kontakt zu den Dolganen. Er hofft, durch sie an Mammut-Skelelette und -Kadaver heranzukommen, die er für seine Forschung braucht. Sein Traum ist es, intakte Zellen in den Überresten von tiefgefrorenen Mammuts zu finden, um vielleicht irgendwann einmal die Tiere klonen zu können.

Als er auf einem einem lokalen Basar auf die Stoßzähne aus Elfenbein aufmerksam wird, wittert er seine Chance und schreitet so schnell wie möglich zur Tat. Er engagiert die Dolganen als Führer und rüstet eine erste Expedition zum Fundort aus. Die Wissenschaftler und Abenteurer um Buigues, Larry Agenbroad von der Universität von Arizona und Dick Mol vom Naturkundemuseum Rotterdam „hausen“ schon wenige Monate später auf der Taimyr-Halbinsel in einem spartanischen Lager. Fernab jeglicher Zivilisation versuchen sie dem Mammutkadaver auf die Spur zu kommen.

Georadar macht Erdboden durchsichtig

Unschätzbare Hilfe liefert den Forschern ein neues Georadar, das das Eis und den Erdboden „durchsichtig“ macht und so hochauflösende Blicke in den Untergrund erlaubt. Mithilfe von elektromagnetischen Wellen werden damit Unregelmäßigkeiten aufgespürt. Ein Computer zeichnet die rücklaufenden Signale auf und erstellt mit einer Spezialsoftware anhand der ermittelten Daten ein zweidimensionelles Modell des Erdbodens.

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Buigues & Co „orten“ schließlich mithilfe des Georadars den Rest des Mammuts und grenzen auch den Grabungsort gezielt ein.

Aus dem Eissarg in die Eishöhle der Forscher

Dennoch gelingt es ihnen mit Hilfe der Dolganen zunächst nur Teile des Kopfs zu bergen. Doch schon dies allein ist Grund genug für Euphorie und das damit verbundene Ansteigen der Adrenalinpegel bei den Wissenschaftlern. „Mein Herz schlug wie verrückt, als das Eis taute und wir der Haut immer näher kamen. Ich beschäftige mich schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren mit Mammuts, aber das Gefühl, das Mammut tatsächlich zu berühren, werde ich nie vergessen. Es war überwältigend.“, so Mol auf Spiegel Online.

Doch mit dem Kopf des Mammuts und einigen Gewebeproben geben sich die Wissenschaftler und Buigues nicht zu frieden. Der Unternehmer lässt schweres Gerät und einen Hubschrauber herbeischaffen, um auch noch den Rest des Kadavers aus seinem frostigen „Sarg“ zu holen. Die Mitglieder der Mammutexpedition sägen schließlich einen 23 Tonnen schweren Klotz aus dem Eis, in dem die sterblichen Überreste des Mammuts befinden. In einer spektakulären Bergungsaktion bringen sie ihren Fund 1999 in eine Hunderte von Kilometern weit entfernt gelegene Eishöhle nahe der sibirischen Stadt Chatanga.

Mittlerweile haben viele verschiedene Wissenschaftler das Mammut von Taimyr ausführlich untersucht und einiges über den Riesen herausgefunden. Eines wurde schnell klar: es handelte sich nicht um ein komplettes Mammut mit intakten Zellen, wie von Buigues erhofft. Immerhin konnten die Forscher anhand der Überreste feststellen, dass das Relikt aus der Eiszeit zum Zeitpunkt seines Todes knapp 50 Lebensjahre hinter sich hatte. Altersdatierungen ergaben zudem, dass das Mammut vor mehr als 20.000 Jahren lebte.

Mammuts, Mammuts, Mammuts

Das so genannte Jarkow-Mammut ist kein Einzelfall. Auch in anderen Regionen Sibiriens, in Alaska oder Indiana haben Wissenschaftler mittlerweile zahlreiche Mammutkadaver entdeckt. Und auch im deutschsprachigen Raum und speziell in der Schweiz ist man schon vor langer Zeit immer wieder auf Mammutreste gestoßen – meistens sogar ohne es zu wissen.

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Stand: 27.01.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Mammuts
Eiszeitgiganten zwischen Mythos und Wiedergeburt

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Giganten in „Eissärgen“
Auf der Suche nach Relikten der Eiszeit

Von Riesen und eiszeitlichen Elefanten
Mammutland Schweiz

Mit dem Bagger auf Mammut-Jagd
Spektakuläre Funde im Torf

"Frostschutzmittel" für Eiszeitriesen
Anpassungen an das kalte Klima

Zähne bestimmen über Leben und Tod
Außergewöhnliches Mammut-Gebiss

Fremde oder Freunde?
Mammut und Elefant sind Vettern

„Overkill“ und Klimawandel
Warum starben die Mammuts aus?

Ein Virus als Mammut-Killer?
Die Hyperdisease- Theorie

Wenn Menschen Gott spielen...
Mammuts vom Fließband?

Zurück in die Eiszeit
Von Mammut-Sperma und Pleistozän-Parks

Nie wieder Mammuts?
Interview mit Michael Hofreiter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

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