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Gewöhnung statt Heilung

Was kann man gegen Tinnitus machen?

Da zumindest chronischer Tinnitus als nicht heilbar gilt und auch medikamentöse Behandlungen umstritten sind, setzen manche Therapien an der subjektiven Wahrnehmung des nervigen Klingelns an. Denn ob das Klingeln im Ohr zur Belastung wird, ist auch eine Frage der Aufmerksamkeit und Emotionen. Wer seinem Tinnitus viel Bedeutung beimisst und ihn mit negativen Gefühlen verbindet, kann ihn kaum ausblenden. Stress und Angst verstärken dann das subjektive Ohrgeräusch noch. Therapieverfahren wie das Tinnitus-Retraining setzen daher auf Gewöhnung. Die Patienten lernen, sich an das nervtötende Pfeifen zu gewöhnen und können es so in den Hintergrund drängen.

Therapieverfahren wie das Tinnitus-Retraining setzen auf Gewöhnung. Je weniger Aufmerksamkeit man dem Klingeln schenkt, desto weniger beeinträchtigt es die Lebensqualität. © dasgehirn.info / CC-by-nc

Das Tinnitus-Retraining ist eine Behandlung, die auf mehreren Bausteinen aufbaut und die neben Hörtherapie auch Aufklärung und Beratung über die Erkrankung und psychologische Betreuung beinhaltet. „Soweit es sich messen lässt, ist Tinnitus eigentlich kein lautes Geräusch“, sagt die Medizinerin Birgit Mazurek vom Tinnituszentrum der Berliner Charité, die selbst ihren Patienten diese Behandlung anbietet. Dennoch empfänden viele Betroffene die Ohrgeräusche als besonders laut. „Dieses subjektive Empfinden ist ganz offensichtlich das Ergebnis eines negativen Lernprozesses, in dessen Verlauf sich die Wahrnehmung des Tinnitus immer weiter in den Vordergrund drängt.“

Umlernen soll Belastung verringern

Das Retraining richtet sich letztlich an Patienten, für die das Klingeln eine echte Belastung darstellt. Ein Umlernen soll die Wahrnehmung des Ohrgeräusches vermindern oder beseitigen. „Beim Retraining geht es darum, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen, – eine Heilung verspricht es gar nicht“, betont Mazurek. „Schließlich lässt sich die Ursache des Tinnitus oft nicht bestimmen.“ Außerdem lasse sich auch gar nicht an Schäden in der Peripherie und den zentralen Strukturen drehen. „Man kann beispielsweise keine neuen Hörzellen bilden.“ Beim pharmakologischen Eingriff wiederum sei die Gefahr von Nebenwirkungen wie Sprachstörungen sehr hoch.

Zu den Hörtherapien gehört auch der Versuch, den Tinnitus mit einem Gegengeräusch auszublenden. © SXC

Das Retraining ist langfristig angelegt. „Nach etwa sechs Monaten reduziert sich der Belastungsgrad, der sich danach noch weiter vermindern kann“, sagt Birgit Mazurek. Den Patienten gehe es nicht nur hinsichtlich des Tinnitus, sondern auch psychisch besser. Und wenn es nun bisher auch keine echte Heilung für chronischen Tinnitus gibt, so können Therapien demnach zumindest helfen, sich mit dem ungebetenen Gast zu arrangieren.

Neben dem Retraining gibt es noch andere Behandlungsmöglichkeiten wie das Biofeedback: Bei Tinnitus-Patienten wird häufig das so genannte Muskel-Biofeedback angewandt. Der Betroffene bekommt optisch oder akustisch den Spannungszustand seiner Muskeln oder Muskelgruppen rückgemeldet und soll versuchen, die Muskeln anhand dieses Feedbacks zu entspannen. Gelingt dies, lässt sich bei einigen Tinnitus-Patienten auch das Ohrgeräusch vermindern. Dies ist insbesondere bei begleitenden Muskelverspannungen im Nacken- oder Kieferbereich oder bei Stress möglich.

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Dr. Christian Wolf/ dasgehirn.info – ein Projekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologi
Stand: 10.08.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Klingeln im Ohr
Dem Tinnitus auf der Spur

Ununterbrochenes Getöse im Inneren
Vom normalen Hören zum Tinnitus

Defekt im Ohr verändert das Gehirn
Rätselraten über die neuronalen Ursachen des Tinnitus

Defekter Schalter für Rauschunterdrückung
Auch Areale außerhalb der Hörrinde könnten beteiligt sein

Gewöhnung statt Heilung
Was kann man gegen Tinnitus machen?

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