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Gefährdet bis heute

Pompeji droht an seiner Berühmtheit zugrunde zu gehen

Heute strömen jährlich rund drei Millionen Touristen nach Pompeji: Touristen, die in Gruppen zu immer denselben Stationen geführt werden, die über antike Bürgersteige wandern, Fresken berühren, Müll hinterlassen, im schlimmsten Fall Mosaiksteine entfernen oder Telefonnummern an die Wände schreiben.

Straße
So menschenleer ist Pompeji heute nur selten. © gemeinfrei

Sex sells

Sie betreten die Stadt über einen steilen Anstieg von Südwesten, durch die Porta Marina, bewundern die heute zwei Spitzen des Vesuvs vom Forum aus, machen eine Mittagspause auf den rekonstruierten Stufen des Theaters und lernen römische Badekultur in den Stabianer Thermen kennen, bevor es als Highlight in das Bordell in der Regio VII geht.

Das Eckhäuschen ist symptomatisch für den Besucherandrang in der antiken Kleinstadt: Die Warteschlange durchzieht an Sommertagen die ganze Straße. Dicht an dicht drängeln sich die Besucher durch die fünf winzigen Zellen, über deren Türen gemalte erotische Szenen unmissverständlich die hier käuflichen Serviceleistungen illustrieren. Sex sells, auch heute noch – mit Folgen für die antike Bausubstanz.

Nur wer Zeit und Entdeckerlust hat und nicht dem Zwang einer geführten Gruppe unterliegt, kann sich in den leeren Gässchen der Regio VIII im Süden der Stadt verlieren, die wunderbaren Fresken der Casa di Marcus Lucretius Fronto in Stille bewundern oder die Stadt bei einem frühabendlichen Spaziergang entlang der Stadtmauern („passeggiata sulle mura“) von oben betrachten.

Gegen den Verfall

Mehr als drei Millionen Besucher jährlich sind ein konservatorischer Super-GAU, dem die sogenannte Soprintendenz – die lokale archäologische Verwaltung – unter Massimo Osanna mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzutreten versucht: mit alternativen Besucherrouten, mit groß angelegten Restaurierungskampagnen und Konservierungsmaßnahmen im Rahmen des „Grande Progetto“, einem 2012 von der italienischen Regierung ins Leben gerufenen EU-Projekt für Pompeji.

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105 Millionen Euro sind geflossen, etliche pompejanische Wohnhäuser, die viele Jahre aus Sicherheitsgründen geschlossen waren, konnten wiedereröffnet werden. Junge Archäologinnen und Archäologen wurden eingestellt, Vetternwirtschaft durch Fachkräfte ersetzt – auch das ist Teil der Herausforderung der Verwaltung eines archäologischen Parks dieser Bedeutung in Italien.

Heute ist die Kultur der größte Feind Pompejis – so wie für alle archäologischen Ausgrabungen gilt: Einmal freigelegt, sind Funde und Befunde, die Jahrhunderte oder Jahrtausende von Erde, Asche oder Sand in einem gewissermaßen eigenen Biotop geschützt waren, konstant gefährdet. Zeit, Aufwand und Kosten der Konservierung übersteigen bei Weitem die der Ausgrabung. Wer Archäologie nur mit Ausgrabung verbindet, sollte dabei auch an Dokumentation, Restaurierung, Verwaltung und Vermittlung denken.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Pompeji - Zeitreise in die Antike
Römisches Erbe zwischen Kultur und Natur

Zeitkapsel antiken Lebens
Wie Pompeji unterging

Von hier kommen die "Graffiti"
Kritzeleien geben Einblick in antiken Alltag

Verwirrspiel ums Datum
Wann ereignete sich die Katastrophe?

Störungen schon vor dem Ausbruch
Stätten mit wechselhafter Geschichte

Gefährdet bis heute
Pompeji droht an seiner Berühmtheit zugrunde zu gehen

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