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Die Rolle psychosozialer Faktoren

Frühe Prägung?

„Was hab ich bloß falsch gemacht?“ – diese Frage stellen sich manche Eltern von schwulen und lesbischen Jugendlichen heute noch. Kein Wunder: Lange galt die Homosexualität als sozial und psychisch bedingt. Psychologen und Ärzte gaben wahlweise den Eltern, dem sozialen Umfeld oder gar homosexuellen Verführern die Schuld an der abweichenden sexuellen Orientierung. Bis heute gibt es, vor allem in christlich-fundamentalistischen Kreisen, Versuche, schwule und lesbische Menschen umzuerziehen – in der Regel vergeblich.

Für Sigmund Freud war Homosexualität eine psychisch bedingte Anomalie. © US Library of Congres/ Max Halberstadt

Ödipus, Penisneid und Co

Einer der ersten, der psychosoziale Ursachen der Homosexualität postulierte, war Sigmund Freud. Für ihn war die Sache klar: Homosexualität hat ihren Ursprung in der frühen Kindheit. Seiner Ansicht nach spielte eine mangelnde Auflösung des Ödipus-Komplexes dabei eine Schlüsselrolle: Hatten Jungen einen sehr strengen oder abwesenden Vater und eine überfürsorgliche Mutter, dann könne dies später eine „anomale“ Neigung zum eigenen Geschlecht auslösen, so seine Theorie.

Andere Psychologen und Psychoanalytiker sahen in der männlichen Homosexualität ein Steckenbleiben in der sogenannten „analen“ Phase – und damit ebenfalls eine psychologische Entwicklungsstörung. Auch eine Kastrationsangst durch Sex mit einer Frau wurde als mögliche Ursache diskutiert.

Bei den Erklärungen für die weibliche Homosexualität taten sich Freud und seine Zeitgenossen schon deutlich schwerer. Einer Hypothese nach sorgt ein übersteigerter Penisneid dafür, dass Mädchen sich mit Brüdern oder dem Vater identifizieren und daher wie diese Frauen als Sexualpartner bevorzugen. Einer anderen Theorie nach führen Missbrauchserfahrungen dazu, dass Mädchen später Männer meiden.

„Absolut nichts gefunden“

Heute ist klar: Diese Annahmen sind falsch. „Alle Versuche, psychosoziale Faktoren in der Entwicklung der sexuellen Orientierung zu finden, haben absolut nichts zutage gefördert“, betonen die Psychobiologen Glenn Wilson und Qazi Rahman. So gibt es beispielsweise keine Hinweise darauf, dass Jungen mit fehlendem oder überstrengem Vater später häufiger homosexuell sind als andere. Und lesbische Frauen haben nicht signifikant häufiger einen Missbrauch erlebt als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen.

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Freispruch für die Väter: Ihr Verhalten oder Erziehungsstil ist nicht der Auslöser von Homosexualität. © Monkey business/ thinkstock

„Es gibt keinen substanziellen Beleg dafür, dass die Art der Erziehung oder Erfahrungen der frühen Kindheit irgendeine Rolle für die Entwicklung der heterosexuellen oder homosexuellen Orientierung spielen“, konstatierte daher unter anderem das Royal College of Psychiatrists – die Standesorganisation der britischen Psychiater.

Kein unbeschriebenes Blatt

Hinzu kommt: Lange galten Kinder als „unbeschriebenes Blatt“ – als Wesen, die erst nach ihrer Geburt durch Erfahrungen, Lernen und kulturelle Einflüsse ihre Persönlichkeiten und Fähigkeiten entwickeln. Inzwischen jedoch belegen Studien, dass ein Großteil unseres Verhaltens, unserer Anfälligkeiten und Neigungen bereits durch unsere Gene und durch Einflüsse im Mutterleib geprägt werden.

Das vielleicht überzeugendste Beispiel dafür liefern Fälle von männlichen Säuglingen, bei denen durch Unfall oder Operationsfehler der Penis zerstört wurde. Bis zum Jahr 2000 entschieden Mediziner in solchen Fällen meist, die Kinder komplett zu Mädchen umzuoperieren – das sei für die Betroffenen schonender, so glaubte man damals. Daher wurden diese Kinder von ihren Eltern als Mädchen aufgezogen und auch von ihrem Umfeld entsprechend wahrgenommen.

Doch als diese Kinder erwachsen wurden, passte ihre sexuelle Orientierung nicht zu ihrer weiblichen Prägung: In den meisten Fällen fühlten sie sich zu Frauen hingezogen. „Dieses Ergebnis ist genau das, was man bei einer biologischen Ursache für die sexuelle Orientierung erwarten würde – und das Gegenteil dessen, was eine soziopsychologische Prägung hervorbringen würde“, sagt US-Psychologe Michael Bailey.

Die Ansicht, dass homosexuelle Menschen irgendwie durch ihr Umfeld „dazu gemacht“ wurden, gilt heute in Fachkreisen als weitgehend widerlegt. Das bedeutet auch: Sexuelle Orientierung ist keine Frage der Entscheidung. Wir suchen uns nicht aus, von wem wir uns sexuell angezogen fühlen. Die Wahl besteht nur darin, ob wir dieser Anziehung stattgeben oder nicht.

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Nadja Podbregar
Stand: 29.06.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Homo, bi oder hetero?
Was bestimmt unsere sexuelle Orientierung?

Rätselhafte Anziehung
Die sexuelle Orientierung und ihre Varianten

Frühe Prägung?
Die Rolle psychosozialer Faktoren

Der Bruder-Effekt
Schwule Männer und ihre Geschwisterfolge

Die Hormone
Welche Rolle spielen Testosteron und Co?

Eine Frage der Veranlagung?
Familien, Zwillinge und Genorte

Fahndung im Erbgut
Die Suche nach dem "Schwulengen"

Paradox der Evolution
Evolutionäre Sackgasse – oder gute Strategie?

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