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Flucht vor der Flut

Als das Wasser zu den Hochwasser-Forschern kam

Dass ihm sein Forschungsthema einmal so nahe kommen würde, hätte Ralph Meißner nicht erwartet. Es war ein Vormittag im Juni, Meißner saß in seinem Büro in Falkenberg, Sachsen-Anhalt, als sein Telefon klingelte: „Wir evakuieren euch“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Meißners Forschungsstation liegt nahe der Elbe, die in diesen Tagen einen neuen Höchststand erreichte. In einer Hauruck-Aktion mussten sich Meißner und seine Kollegen in Sicherheit bringen, raus aus den Laboren, in denen sie forschen – ausgerechnet zum Thema Hochwasser.

Nur fünf Kilometer von der Forschungsstation entfernt: die Elbe bei Wittenberge © Franzfoto / CC-by-sa 3.0

Kisten packen und Sand schippen für alle

„Im Jahr 2002 hatten wir in Wittenberge einen Pegel von 7,34 Metern“, sagt Ralph Meißner. „Jetzt stieg er sogar auf 7,85 Meter.“ Der Forscher legt die Stirn in Falten. „Das war schon wirklich happig.“ Meißner leitet die Falkenberger Forschungsstation des Helmholtz- Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Sein Büro liegt in einer Senke südlich von Wittenberge. Dass es fünf Kilometer von der Elbe entfernt ist, hätte ihm deshalb wenig genutzt: Die Elbe liegt höher als der Ort, und bei einer Flut würde das Wasser ungehindert bis nach Falkenberg strömen.

Als die Evakuierung angewiesen wurde, verpackten die Mitarbeiter alles, was gerettet werden sollte: Akten, Bücher, Messgeräte, Telefone und Computer schleppten sie in Kartons aus den Gebäuden. Auch die Instrumente, die im Deichvorland installiert waren, brachten sie in Sicherheit – gerade noch in letzter Minute. „Da mussten die Kollegen schon mit dem Boot hinfahren“, erzählt Meißner. Während der Hochwasser-Welle übernahmen die Wissenschaftler nun ungewohnte Rollen: Emsig schippten sie Sand und hielten Wache auf dem Deich.

„Schon immer nasse Füße“

Wenige Wochen später sitzt Ralph Meißner wieder in seiner Forschungsstation, der Blick streift hinaus über die Felder. Die Hochwassergefahr ist gebannt – und Meißner hat Glück gehabt: Die Gegend rund um sein Büro ist trocken geblieben. Nur die aufgestapelten Kisten erinnern noch an die Evakuierung. Es wird wohl noch einige Wochen dauern, bis alles wieder funktionsfähig ist.

„Wir hatten hier immer nasse Füße“, sagt Meißner, der aus der Region stammt. Er selber habe noch keinen Deichbruch erlebt, die letzte Flut in dieser Gegend liegt über hundert Jahre zurück. „Die Menschen leben mit dem Wasser“, sagt er. Als Alteingesessener kennt Meißner aber natürlich die Nöte der Bauern und Anwohner, deren Höfe von der mächtigen Flut tatsächlich überschwemmt worden sind: „Da hängen ganze Existenzen dran“, sagt der Bodenphysiker.

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Franziska Roeder / Helmholtz Perspektiven
Stand: 09.08.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Katastrophe mit Ansage
Das "Jahrhundert"-Hochwasser 2013 - und was Hochwasserforscher dazu sagen

Prolog: "Land Unter" in Deutschland
Das Hochwasser im Juni 2013 und seine Auslöser

Flucht vor der Flut
Als das Wasser zu den Hochwasser-Forschern kam

Keime, Schadstoffe und natürliche Filter
Hochwasser reaktiviert gesundheitsschädliche Stoffe

Wenn Deiche weichen
Deichrückverlegung soll natürliche Puffer wiedergewinnen

Hilfe zur Selbsthilfe
Mehr Förderung für private Vorsorge und bessere Versicherung

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