Fluch oder Segen? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Der Tourismus boomt

Fluch oder Segen?

Eine halbe Million Touristen kam allein 1999 ans Tote Meer. Innerhalb von drei Jahren hat sich damit die Anzahl der Besucher mehr als verdoppelt. Viele davon zieht vor allem der Atem der Geschichte in seinen Bann. Sie besuchen antike Stätten wie die von König Herodes um 35 v. Christus erbaute Festung Masada und die vielleicht ältesten Stadt der Welt, Jericho. Auch die Höhlen von Qumran, der Fundort der weltbekannten Schriftrollen oder Mount Sodom, wo angeblich Lots Frau zu einer Salzsäule erstarrte, gehört bei zahlreichen Urlaubern zum Standardprogramm.

Tourismus am Toten Meer © Dead Sea Tourist Organization

Viele der Touristen am Toten Meer treibt jedoch weniger Entdeckergeist als die Linderung von Erkrankungen wie Psoriasis, Neurodermitis oder Asthma an das salzige Gewässer. Bereits die Römer kannten die angeblich heilende Wirkung dieses besonderen Wassers. Im Zeitalter der ägyptischen Besetzung ließ sich die ägyptische Königin Kleopatra sogar das exklusive Recht sichern, in der Region kosmetische und pharmazeutische Fabrikionsbetriebe zu errichten. Aristoteles hat über den wohltuenden Effekt eines Aufenthalts an diesem Gewässer genauso berichtet wie später griechisch-orthodoxe Mönche.

In den letzten Jahrhunderten kamen immer mehr Forschungsreisende und schließlich moderne Wissenschaftler an das Tote Meer, um die konkreten Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen zu studieren. Worauf beruhen aber die heilenden Eigenschaften des Toten Meeres? Wasser, Luft und Sonne sorgen dafür, dass hier ein ganz spezielles Miniuniversum mit einem eigenen Mikroklima entstanden ist.

Das Wasser selbst zeichnet sich durch einen besonders hohen Anteil an Mineralstoffen wie Kalzium, Magnesium, Kaliumchlorid, oder Bromide aus und wirkt deshalb unter anderem beruhigend und lindernd bei Hauterkrankungen.

Ablagerung von Mineralien © Dead Sea Tourist Organization

Die Luft am salzigsten Gewässer der Erde ist nicht nur trocken und weitgehend pollenfrei, aufgrund der außergewöhnlichen Lage von 417 unter dem Meeresspiegel ist sie auch deutlich sauerstoffhaltiger als unter normalen Bedingungen und erleichtert deshalb die Atmung erheblich. Die hohen Temperaturen am Toten Meer sorgen zudem für eine erhebliche Verdunstung von Meerwasser. In der Dunstglocke, die aus diesem Grund ständig über dem See hängt, sind viele Bromide gelöst, die entspannend auf das Nervensystem einwirken.

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Sonnencreme ade? 330 Tage im Jahr brennt die Sonne gnadenlos auf das Tote Meer und die Menschen herab. Trotzdem ist das Sonnenbaden hier selbst in Zeiten des Ozon-Lochs erheblich gesünder als anderswo auf der Erde. Verantwortlich dafür ist ebenfalls die Dunstglocke, die zusammen mit einer besonders dicken Ozonschicht in der Region große Teile der schädlichen UVB-Strahlung herausfiltert.

Während diese und andere Wirkungen auf Haut- oder Lungenkranke immerhin durch medizinische Studien belegt sind, sieht das bei vielen Pharma- und Kosmetikprodukten, die auf Heilmineralen und -salzen aus dem Binnengewässer basieren ganz anders aus. Trotzdem wird weltweit mittlerweile ein schwunghafter Handel mit diesen Produkten getrieben. Pharmaindustrie, teilweise aber auch Apothekerverbände und Naturkosmetik- und Naturpflegeprodukte-Hersteller gehen dabei mit Slogans wie „Holen Sie sich das Tote Meer in die eigene Badewanne“ erfolgreich auf Kundenfang…

Ob Pauschalurlauber, Kurgast oder Entdeckungsreisender: Für jeden Touristen am Toten Meer muss die notwendige Infrastruktur vorhanden sein. Kein Wunder, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten, Hotels, Pensionen und Gaststätten sowie Zentren der Fit- and Fun-Kultur wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Weit mehr als 4.000 Betten stehen mittlerweile in der Tourismusindustrie am Toten Meer zur Verfügung – Tendenz stark steigend. Neben Müllbergen, riesigen Abwassermengen und der Landschaftszerstörung durch den Bauboom bringt der Hype in der Tourismusbranche vor allem eins: einen gewaltigen Bedarf an Süßwasser.

Tourismusexperten haben ausgerechnet, dass jeder Urlauber täglich bis zu 350 Liter Trinkwasser verbraucht. Bei 500.000 Gästen oder mehr pro Jahr kommt da einiges zusammen. Woher aber soll das Wasser her stammen als beispielsweise aus dem Jordan, der jedoch auf seinem Weg ins Tote Meer bereits vorher einen hohen Wasserzoll zu zahlen hat…

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Stand: 06.09.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Totes Meer
Vom Salzsee zum Sandsee?

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Kurz vor dem Exitus?
Das Tote Meer in der Krise

Aufruhr im Untergrund
Wie das Tote Meer entstand...

Das Tote Meer stirbt
Ein Man-made Desaster

Eines der salzigsten Gewässer der Erde
Das Tote Meer in Zahlen

Fluch oder Segen?
Der Tourismus boomt

Von Bewässerung, Dämmen und Bodensenkungen
Selbstbedienungsladen Jordan

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Die Natur vor dem Kollaps

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Weltkulturerbe "Totes Meer"?

Am Tropf des Roten Meeres
Eine Pipeline soll das Tote Meer retten...

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