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Fetales Kälberserum

Ein Anachronismus in der modernen Zellforschung

Ethisch nach Ansicht vieler Wissenschaftler nicht zu vertreten und qualitativ keinesfalls mit modernen Standards in Einklang zu bringen: Fetales Kälberserum (FBS) ist umstritten und birgt nach Meinung von Kritikern unkalkulierbare Risiken für die Zellforschung.

Trächtige Kuh
Fetales Kälberserum wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen. © skhoward/ Getty images

Im Jahr 1958 ließ der Genetiker und Biophysiker Theodor Puck erstmals Zellen erfolgreich in Fetalem Kälberserum wachsen. Seither gilt dieses Serum als Standard unter den Nährmedien. Aufgrund seines hohen Gehalts an wachstumsfördernden Komponenten setzen Forschende über Jahrzehnte hinweg auf FBS zur Zellkultivierung.

Gewinnung auf Schlachthöfen

Die Herstellungspraxis des Serums sowie permanente Unwägbarkeiten bezüglich seiner Inhaltsstoffe und potenzieller Krankheitserreger machen eine Suche nach Alternativen jedoch aktueller denn je. FBS wird aus dem Blut von Kälberföten gewonnen. Die ungeborenen Kälber werden nach der Schlachtung der trächtigen Muttertiere dafür weder betäubt noch durch eine tierschutzgerechte Methode zuverlässig getötet, bevor ihnen ihr Blut durch einen Kanüleneinstich ins Herz entnommen wird.

Gängige Praxis ist oftmals, die Kälberföten nach ihrer Entnahme aus dem Mutterleib aufgrund von Sauerstoffmangel verenden zu lassen. Dieses Prozedere widerspricht fundamental dem heutigen ethischen Grundverständnis. Denn es gilt als wahrscheinlich, dass Föten im letzten Drittel ihrer Entwicklung Schmerzen empfinden können.

Leid schon auf dem Transport

„Darüber hinaus kann und muss verhindert werden, dass trächtige Tiere überhaupt in Schlachthöfen landen. Denn bereits der Transport führt zu Leiden, Ängsten, Schmerzen und Schädigungen der Tiere, etwa durch daraus resultierende Verletzungen oder Früh- und Totgeburten“, erklärt Tilo Weber, Fachreferent für Alternativmethoden zu Tierversuchen bei der Akademie für Tierschutz beim Deutschen Tierschutzbund.

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Das Verfahren zur Gewinnung des Serums wird hauptsächlich außerhalb der EU durchgeführt, besonders in Ländern mit großen, freigrasenden Herden ohne Geschlechtertrennung. Dadurch steigt auch die Verfügbarkeit von trächtigen Tieren. Toni Lindl und Gerhard Gstraunthaler, Autoren eines Lehrbuchs zur Zell- und Gewebekultur nennen Brasilien, Südafrika, Australien, Neuseeland und die USA als Hauptproduzenten von FBS. Aber auch in einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden und Frankreich wird FBS aus Kälberblut hergestellt.

Sicherheitsrisiko FBS

Gewinnungsorte des Nährmediums FBS sind demnach Schlachthöfe – fernab standardisierter Prozesse und jenseits des in der Branche geltenden Qualitätsstandards „Good Manufacturing Practice“ (GMP). Das birgt auch Risiken: Für klinische Studien, beispielsweise im Bereich der Stammzelltherapie, ist FBS aufgrund von Sicherheitsbedenken meist ungeeignet. Zu diesen Risiken zählen die potenzielle Übertragung von Prionenerkrankungen, Zoonosen sowie die Möglichkeit, dass die artfremden Proteine eine nachteilige Immunantwort bei den Patienten hervorrufen.

Weiterer Schwachpunkt des Serums ist neben der bis heute noch nicht vollständig identifizierten Zusammensetzung vor allem die von Charge zu Charge unterschiedliche Beschaffenheit. In der Praxis erfordert dies aufwendige Chargenprüfungen, die eine Vergleichbarkeit von Studienergebnissen trotzdem nicht immer gewährleisten können.

Jan van der Valk von der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Utrecht spricht von derart gravierenden Abweichungen in Untersuchungsergebnissen, dass er wissenschaftliche Journale auffordert, wegen mangelnder Vergleichbarkeit keine Fachartikel auf Basis von FBS mehr anzunehmen.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Neue Nährmedien gesucht
Alternativen zum Fetalen Kälberserum in der Zellkultur

Nährmedien im Labor
Was Stammzelle und Co zum Wachsen bringt

Fetales Kälberserum
Ein Anachronismus in der modernen Zellforschung

Die Suche nach Alternativen
Blutkonserven-Reste statt Kälberserum?

„Basis für erfolgversprechende Stammzelltherapien“
Interview mit einem Pionier des Humanen Plättchenlysats

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