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Etwas fehlt im Vogelhirn

Was steckt drin im Kopf der Rabenvögel?

Schach spielen sie noch nicht. Aber Krähen meistern schon andere anspruchsvolle Gedächtnisaufgaben. © 10Vitamine / CC-by-sa-3.0

Dass Vögel zu intelligenten Handlungen fähig sind, wurde viele Jahre lang aber weitgehend ignoriert. Denn ihnen fehlt ein entscheidendes biologisches Merkmal, das Wissenschaftler als Sitz der Intelligenz identifiziert haben: die Großhirnrinde. Dieser erst bei Säugetieren voll ausgebildete Hirnteil gilt als „Arbeitsspeicher“ und als Sitz höherer Denkfunktionen.

Aber offensichtlich nicht im Vogelgehirn. Dieses ist viel kleiner als ein vergleichbar schweres Säugetiergehirn, hat dafür aber bis zu zwei Mal so viele Neuronen. Dabei ist besonders das Großhirn sehr dicht mit Gehirnzellen gepackt, also der Hirnteil, dem bei Vögeln die evolutionsgeschichtlich junge Großhirnrinde fehlt. Trotz Abwesenheit des Neocortex lösen Krähen in Experimenten aber problemlos Memory-Spiele. Ihr Arbeitsgedächtnis muss sich also woanders befinden als bei uns.

Dauerfeuer im Großhirn

Einen ersten Anhaltspunkt für den Ort des „geistigen Notizblocks“ im Vogelgehirn fanden Lena Veit und ihre Kollegen von der Universität Tübingen. Sie zeigten Rabenkrähen für einen kurzen Moment Bilder auf einem Monitor und maßen die Gehirnaktivität der Vögel. Dabei stellten sie fest, dass Nervenzellen in einem Bereich des Großhirns auch dann noch weiter feuerten, wenn das Bild schon wieder verschwunden war.

Wenn solch eine anhaltende Aktivität registriert wurde, fanden die Krähen auch das richtige Motiv in der kurz darauf gezeigten Auswahl von vier Bildern wieder. Bei Krähen, die falsch tippten, war auch die Intensität des Neuronenfeuerwerks im Endhirn nicht mehr so stark. Vermutlich bilden also bestimmte Bereiche im Endhirn den Arbeitsspeicher des Vogels und halten eine Information für kurze Zeit durch ein Dauerfeuer der Gehirnzellen im Gedächtnis.

Vogelgehirne sind in der Regel kleiner und leichter als Säugetierhirne. Dafür haben sie mehr Gehirnzellen, vor allem im Großhirn (engl.: Forebrain). © Pavel Nemec, Charles University, Prag

Klein aber kompakt

Generell ist die Gehirnstruktur bei Vögeln besonders kompakt. So haben Forscher um Seweryn Olkowicz der Charles Universität in Prag festgestellt, dass in einem Starengehirn etwa 483 Millionen Nervenzellen enthalten sind, während es in einem vergleichbar schweren Rattenhirn nur 200 Millionen sind.

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Möglicherweise sind die dichten Gehirne der Vögel ein „Nebenprodukt“ des Evolutionsdrucks, der für ihre Flugfähigkeit einen extrem komprimierten und leichten Körperbau abverlangt. Doch zum Fliegen würde auch ein weniger neuronenreiches Gehirn genügen, zumal die hohe Anzahl an Gehirnzellen teuer durch einen erhöhten Energiebedarf erkauft wird. Es muss also andere Gründe für die Entwicklung der überdurchschnittlichen Intelligenz der Rabenvögel geben.

Krähen zeigen auch ohne Großhirnrinde außerordentlich intelligentes Verhalten. Das sehen viele Wissenschaftler als Beleg dafür, dass die Entstehung von Intelligenz nicht an eine bestimmte Hirnregion gebunden ist, sondern auf verschiedenen Wegen zu Tage treten kann. Ein Faktor, der wahrscheinlich maßgeblich zu der Cleverness der Vögel beigetragen hat, ist deren ausgeprägtes Sozialverhalten.

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Christian Lüttmann
Stand: 02.06.2017

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Genies der Lüfte
Die verblüffende Intelligenz von Krähen und anderen Rabenvögeln

Der Ruf von Rabenvögeln
Warum wir die Tiere fürchterlich und faszinierend zugleich finden

Intelligenz ist Definitionssache
Bei der Bewertung von Cleverness sind Wissenschaftler noch immer uneins

Etwas fehlt im Vogelhirn
Was steckt drin im Kopf der Rabenvögel?

Raben unter sich
Soziale Gefüge als Wegbereiter zu intelligentem Verhalten

Ich sehe was, was du nicht siehst
Was wissen Krähen über ihr Gegenüber?

Krähen und die Kunst des Werkzeugbaus
Warum Rabenvögel den Menschenaffen Konkurrenz machen

Ein Blick in die Zukunft
Was weiß die Krähe von morgen?

Die hohe Schule der Intelligenz
Was verstehen Krähen von Abstraktion und Auftrieb?

Ein bisschen Spaß muss sein
Die amüsante Nebenwirkung von Intelligenz

Krähe und Mensch
Ein schwieriges Verhältnis

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Raben: Teamarbeit, aber nicht mit jedem
Kooperative Vögel arbeiten nicht mit betrügerischen Artgenossen zusammen

Krähen zählen ähnlich wie wir
Neuronen im Krähengehirn reagieren auf ihre jeweiligen "Lieblingszahlen"

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