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Es geht auch ohne Gezeiten

Sturmfluten an der Ostsee

Flussmündung © NASA

Auch an Küsten ohne Gezeiten treten regelmäßig Sturmfluten auf. Hier spielt neben dem Windstau nach Stürmen, wie Hurrikanen oder Taifunen, in erster Linie die Küstenform eine wichtige Rolle. Vor allem golfartige Meere, trichterartige Flussmündungen oder lang gestreckte Seen, wo das vom Wind verdrängte Wasser nicht zur Seite oder nach unten ausweichen kann, sind anfällig für Sturmflutkatastrophen. Im flachen Wasser des Golfs von Bengalen beispielsweise staut sich das Wasser bei einem Sturm besonders hoch auf und überschwemmt leicht die niedrigen Küstengebiete.

Bis zu zweimal im Jahr wird die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern von einer leichten Sturmflut heimgesucht. Schwere Sturmfluten dagegen kommen höchstens alle fünf Jahre vor. Sturmfluten zwischen Leningrad und Kiel und zwischen Gdansk und Kemi haben aber – anders als an der Nordsee – mit den Gezeiten und der Wirkung von Sonne und Mond nichts zu tun. In der Ostsee gibt es kaum keinen Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Am Pegel Kiel misst man gerade mal einen Unterschied von 18 Zentimetern.

Faktor Wind

In erster Linie sind es deshalb Dauer, Intensität und der Richtung des Windes oder Sturmes, die an der Ostsee darüber entscheiden, ob es zu einer Sturmflut kommt oder nicht. Für die Küste Mecklenburg Vorpommerns sind starke und langandauernde Nordoststürme am gefährlichsten, da der Wind über eine Strecke von 750 Kilometern auf die Meeresoberfläche einwirken kann und so gewaltige Wassermassen auf die Küsten drücken kann.

Aber auch hier können noch eine Reihe von anderen Faktoren das Ausmaß der Sturmflut nach oben oder unten korrigieren. Tage- oder wochenlange Südwest- und Westwinde sorgen beispielsweise dafür, dass viel Nordseewasser über Skagerrak und Kattegat in die Ostsee einfließt und das Becken gut gefüllt ist. Dreht dann der Wind und pustet die Wassermassen auf die Küste zu, können die Pegel um bis zu 50 Zentimeter höher klettern als durch den Windstaueffekt allein.

Badewanneneffekt

Berühmt ist die Ostsee auch für den Badewanneneffekt, der den Wasserberg, der vom Sturm auf das Festland oder die Inseln zugetrieben wird, noch einmal um bis zu einem Meter erhöhen kann. Dieser Badwewanneneffekt entsteht immer dann, wenn starke Winde zu einem Wasseraufstau in bestimmten Regionen der Ostsee führen. Lassen diese Winde plötzlich nach, schwappen die Wassermassen zurück und sorgen in anderen Gebieten für Hochwasser. Steigen die Wasserstände dabei auf zwei Meter über Normalnull oder mehr, spricht man an der Ostsee von einer schweren Sturmflut.

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Gefährlich sind Ostseesturmfluten vor allem wegen der fast vollständig fehlenden Gezeiten. Extreme Hochwasserstände halten hier bis zu 20 mal länger an als in der Nordsee und führen dann meist zu wesentlich größeren Schäden.

Warten auf die nächste große Flut

Doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat das Meer zumindest die deutsche Ostseeküste mit „Jahrhundertsturmfluten“ verschont. Die letzte datiert aus dem Jahr 1872. Damals wurden Rekordwasserstände von 2,80 Meter oder mehr über Normalnull erreicht und allein an der südwestlichen Ostseeküste fielen 271 Menschen den Wassermassen zum Opfer.

Doch die momentane Ruhe ist mehr als trügerisch. Etwa alle 150 Jahre durchschnittlich – so haben Wissenschaftler im Auftrag des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei ermittelt – gibt es an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste einen Wasserstand von mehr als 2,75 über Normal. Genau 130 Jahre seit der letzten gewaltigen Flutkatastrophe sind inzwischen bereits vergangen. Statistisch gesehen könnte es also gut sein, dass innerhalb der nächsten Jahre eine Jahrhundertflut die Küstenregionen an der Ostsee überfällt und die Menschen wieder einmal in Angst und Schrecken versetzt…

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Stand: 20.04.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Alarm am Deich
Steigt die Sturmflutgefahr?

Gefährlichste Naturkatastrophe der Welt?
Manndränke, Blanker Hans und Klimaveränderung

Wind ist der Schlüssel
Wie entstehen Sturmfluten?

Es geht auch ohne Gezeiten
Sturmfluten an der Ostsee

Die Gefahr wächst...
Sturmfluten und Klimawandel

Nordsee ist Mordsee
Küste meldet "Land unter"

Wenn Deiche brechen...
Sturmflutfolgen

Wie Jadebusen und Dollart entstanden
Sturmfluten verändern Küsten

Künstliche Sandbänke als Rettung?
Sylt kämpft ums Überleben

Bollwerke gegen die Flut?
Die Anfänge des Deichbaus

Teurer Luxus?
Die modernen Deiche

Ryck, Eider und Themse
Sperrwerke als Sturmflutschutz

Von Dünen, Buhnen und Wellenbrechern
Wie mann sich sonst noch schützen kann...

Lektion gelernt!
Ein modernes Schutzsystem gegen Sturmfluten

Könige des Küstenschutzes
Die Niederlande und das Deltaplanprojekt

Wer arm ist, stirbt früher
Bangladesch und sein Kampf gegen Überschwemmungen

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