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Sturm oben, ungemütlich unten

Endspurt

Kazimirs Zeichnung des Sturms im Logbuch © NASA/GSFC/seawifs

Am 1. August melden sich Wissenschaftler der Grumman Corporation per Funk. Es gibt Schwierigkeiten. Sie haben den Verlauf des Golfstroms aus der Luft verfolgt und einen weiteren gigantischen Wirbel direkt im Kurs der Franklin entdeckt. Weicht sie nicht aus, könnte sie erneut aus der Strömung geschleudert werden. Glücklicherweise kommt die Warnung diesmal rechtzeitig. Die Besatzung kann die Franklin aus der Turbulenz heraushalten und bleibt im Strom.

Als an der Oberfläche der tropische Sturm Anna tobt und das Begleitschiff Privateer abdreht um an der Küste Schutz zu suchen, wundert sich Busby darüber, warum nicht mehr Erkundung und Erforschung der Ozeane unter Wasser stattfinden – weit weg von den Gefahren der Meeresoberfläche und des Wetters.

Zu essen gibt es Trockenfutter - mit lauwarmem Wasser zubereitet © NASA/GSFC/seawifs

Kälte, Hunger und giftige Gase

So ganz ohne ist inzwischen aber auch das Leben an Bord des Unterseeboots nicht. Länger schon wird das Wasser nicht mehr ausreichend heiß um sich die gefriergetrockneten Fertigmahlzeiten adäquat zubereiten zu können. Noch immer ist es kalt und feucht – inzwischen liegt die Luftfeuchtigkeit um 90 Prozent. Und immer wieder steigt der Anteil des Kohlenmonoxids in der Raumluft gefährlich an. Am 5. August erreicht der CO-Wert 30 ppm. Jeden Tag vier Stunden lang lässt die Besatzung das Kontaminationssystem jetzt laufen, aber die Werte wollen nicht sinken. Am 10. August erreicht das giftige Gas sogar die 40 ppm-Marke. Die Männer werden allmählich unruhig.

12. August 1969. An Land findet das große Staatsbankett zu Ehren der drei Apollo 11 Astronauten statt. An Bord der Franklin sehnen sich die Aquanauten nach ihrer ersten richtigen Mahlzeit und Dusche nach knapp vier Wochen Tauchfahrt. Nur noch zwei Tage, dann haben sie es geschafft: Sie dürfen auftauchen – zurück in die Zivilisation.

Zu diesem Zeitpunkt ist auch das letzte Feuchtigkeit absorbierende Silicagel aufgebraucht, die Luftfeuchtigkeit liegt bei knapp 100 Prozent. Nahezu alle Leitungen, Oberflächen und Objekte sind mit schädlichen Keimen verseucht. „Die bösen Jungs haben die guten überwältigt“, kommentiert NASA-Forscher Chet May. Abwasser- und Abfallsysteme streiken bereits seit Wochen, daher gammeln der Müll von 30 Tagen und die getragenen Klamotten an Bord vor sich hin. Aber jetzt, im Endspurt, ist das alles zu ertragen. Das „Splash Up“, das letzte Auftauchen nach mittlerweile mehr als tausend Meilen Drift und knapp einem Monat Tauchzeit, steht unmittelbar bevor.

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„Splash up“

Am 14. Juli 1969 endlich, ist die Besatzung der Franklin erlöst: Sie tauchen vor der Küste des US-Bundesstaates Maine auf und werden vom Kreuzer der Küstenwache an Land gebracht. Mehr als 2.250 Kilometer haben die sechs Männer in ihrem Tauchboot zurückgelegt, den größten Teil davon mit der Strömung des Golfstroms driftend – ein absoluter Rekord. Sie haben Meerestiere beobachtet und fotografiert, unbekannte Tiefen kartiert, und wertvolle Daten über Temperaturen, Salzgehalt und Druckwerte im Herzen der Strömung mitgebracht.

Modell für Raumfahrtmissionen: Kazimir auf seiner Koje © NASA/GSFC/seawifs

Gleichzeitig waren sie Testkaninchen für eine ganze Batterie von physiologischen und psychologischen Tests: Als Modell für Langzeitastronauten führten sie Buch über ihre Schlafqualität und –muster, ihre Stimmung und Verhaltensänderungen. Chet May, der NASA-Wissenschaftler, hatte beobachtet und notiert, wie sich im Laufe der Zeit eine Routine des Zusammenlebens zwischen den Männern entwickelte und wie diese den Belastungen der Langzeitisolation standhielt – wertvolle Hinweise, die die NASA für zukünftige Weltraummissionen wie das Weltraumlabor Skylab auswertete.

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Nadja Podbregar
Stand: 24.07.2009

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die vergessene Mission
PX-15: Eine Untersee-Expedition im Schatten der Mondlandung

"Mehr als nur eine Frage der Neugierde"
Kennedy und die Visionen für die Ozeanerkundung

Der U-Boot-Pionier und der Raketenmann
Was hat Meeresforschung mit dem Weltraum zu tun?

Mit dem „Mesoscaphe“ in die Meerestiefe
Das Schiff und die ersten Tauchgänge

Zwei Starts, zwei Welten
14. bis 16. Juli 1969

Fast am Boden
Wracks, Kartierung und ein Beinahe-Zusammenstoß

Weitab vom Kurs
Kampf mit der Strömung

Endspurt
Sturm oben, ungemütlich unten

Was ist geblieben?
Ein Epilog

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