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Einmal den Dschungelteller, bitte?

Interview mit dem Lebensmittel-Experten Guido Ritter

Guido Ritter ist Professor am Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule in Münster. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind Lebensmittelrecht, Lebensmittelsensorik und Produktentwicklung. Im März 2013 veranstaltete er einen Food Future Workshop zur Fragestellung „Insekten – Proteinlieferanten der Zukunft?“, der sich mit Ernährungsalternativen angesichts des durch das Bevölkerungswachstum steigenden Eiweißbedarfs befasste.

Herr Ritter, werden Insekten künftig auch bei uns auf dem Speiseplan stehen?

Warum nicht mal eine mit Schokolade überzogene Heuschrecke? © FAO

Ritter: Was die Zukunft betrifft, denke ich, dass Insekten zuerst als Futtermittel verstärkt in unsere Nahrungskette gelangen werden, angefangen bei der Fischaufzucht in Aquakulturen. Das wird auf wenig Vorbehalte stoßen, denn der Wurm als Köder am Angelhaken ist uns seit langem vertraut. Die nächste Hürde stellt die Verfütterung von Insekten an Säugetiere dar. Vermittelt über Starköche könnten Insekten dann auch langsam in die menschliche Ernährung Eingang finden – vergleichbar mit dem Hummer, der früher als Kakerlake der Meere verschmäht wurde, heute dagegen als Delikatesse gilt.

Welche Insekten-Produkte könnten sich bald in Europa etablieren?

Ritter:Mit dem sogenannten Dschungelteller wird man weder die breite Bevölkerung ansprechen noch Akzeptanz für den Verzehr von Insekten schaffen können. Anders sieht es bei verarbeiteten Lebensmitteln aus, die Insekten als Bestandteile enthalten. Forscher der Universität Wageningen stießen mit ihrem Angebot zur Verkostung von Insektenburgern auf erstaunlich große Akzeptanz.

Gute Chancen sehe ich für texturiertes Insekteneiweiß, das sich wie Tofu weiterverarbeiten und in andere Gerichte integrieren lässt. Auch die ungesättigten Fettsäuren könnten aus Insekten extrahiert werden und in andere Rezepturen einfließen. Das alles muss natürlich transparent ablaufen und ordentlich deklariert werden, dann kann auch die Akzeptanz Stück für Stück wachsen.

Was sagt das Lebensmittelrecht zu Herstellung und Vertrieb von Insekten-Food?

Ritter:Die Europäische Union (EU) hat im Jahr 2000 in den Lebensmittelhygiene-Verordnungen strenge Richtlinien hinsichtlich der hygienischen Anforderungen an Futtermittel für die Fleischproduktion erlassen. Damals hatte man jedoch noch nicht daran gedacht, dass Insekten in Europa einmal für die menschliche Ernährung infrage kommen könnten.

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Mehlwürmer eignen sich am besten, um bei uns gezüchtet und verarbeitet zu werden. © Pengo/ CC-by-sa 3.0

Die zweite wichtige EU-Regelung betrifft die Zulassung neuartiger Lebensmittel. In der Novel-Food-Verordnung ist festgelegt, dass alles, was vor 1997 nicht in nennenswerter Weise in Europa verzehrt wurde, als neuartiges Lebensmittel einzustufen ist und auf Verträglichkeit, gesundheitliche Risiken und Folgen für das Ernährungsverhalten geprüft werden muss. Fraglich ist allerdings, ob es sich bei Insekten um neuartige Lebensmittel handelt, die unter die Novel-Food-Verordnung fallen.

Es gibt Tendenzen in der EU, Insekten für den menschlichen Verzehr zuzulassen. Entsprechende Forschungsprojekte werden von der EU gefördert. Aber die politische Entscheidung steht noch aus. Hier sollten die in diesem Bereich tätigen Interessensverbände und Wirtschaftszweige Vorschläge unterbreiten, wie sich die Insektenproduktion lebensmittelrechtlich fassen lässt. Das gilt auch für alle Fragen der Lebensmittelsicherheit und -hygiene.

Denn die Insektenproduktion wirft durchaus sicherheits- und hygienerelevante Fragen auf. Stellen wir uns eine Farm mit Hunderttausenden von Heuschrecken, Mehlwürmern oder Grillen vor, dann handelt es sich ja um Massentierhaltung. Welche Risiken das hinsichtlich Parasiten- und Bakterienbefall birgt, wie der Einsatz von Arzneimitteln zu regeln ist und welche Insektenarten dafür überhaupt geeignet sind, muss noch weiter erforscht werden.

Die Züchter, die momentan Insekten als Futter- oder Lebensmittel produzieren, arbeiten auf der Grundlage von Ausnahmegenehmigungen. In Deutschland wird überlegt, solche Genehmigungen für Aquakulturen zu erteilen – aber auf Dauer braucht es in Europa klare lebensmittelrechtliche Bestimmungen.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Initiativen, die für Insekten als Lebensmittel werben?

Ritter: Es gibt da ganz unterschiedliche Ansätze. Die FAO konzentriert sich mit ihrer Kampagne „Edible Forest“ auf Entwicklungsregionen, wo geeignete Insektenarten natürlicherweise in großen Mengen vorkommen und es an sonstigen tierischen Eiweißquellen mangelt. Ihre Programme zielen auf die kleine, dezentrale Versorgung und Vermarktung ab, während wir in der EU das Thema aus der Perspektive der Massenzucht diskutieren.

Doch nur durch den Verzehr von Insekten werden wir die Probleme, die unser extrem hoher Verbrauch an tierischem Eiweiß hervorruft, nicht lösen können. Insekten kommen als ergänzende Nahrungsquelle in Betracht. Grundsätzlich müssen wir aber unseren Fleischkonsum reduzieren und verstärkt auf pflanzliche Eiweiße zurückgreifen.

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Ralf Krause und Thomas S. Linke / eHotel / CC-by-sa 4.0
Stand: 26.06.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Insekten auf dem Speiseplan
Warum die sechsbeinige Kost eine echte Alternative sein kann

Der Ekel-Faktor
Warum scheuen sich viele vor dem Insekten-Genuss?

Alternative zu Rind und Co?
Warum sollen wir Insekten essen?

Sechsbeinige Fitmacher
Wie gesund ist die Insektenkost?

Himmelskrebse und Wanzensauce
Wo isst man welche Insekten?

Versteckte Fleischbeilage
Wie könnte man uns Insektenkost schmackhaft machen?

Einmal den Dschungelteller, bitte?
Interview mit dem Lebensmittel-Experten Guido Ritter

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