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Eine Sensation im brasilianischen Urwald…

Batessche Mimikry

Fast 150 Jahre ist es mittlerweile her, dass der englische Wissenschaftler und Naturforscher Henry Walter Bates sich auf die Reise nach Brasilien machte, um die Fauna und Flora der dortigen tropischen Regenwälder zu erkunden. Was er vorfand, war eine biologische Sensation. Unter den fast 100 verschiedenen Schmetterlingsarten die er dort im Urwald entdeckte, fand er Arten aus zwei verschiedenen nicht näher verwandten Familien, die einander bis ins Detail glichen. Die Ähnlichkeit war so groß, dass Bates nicht in der Lage war, die verschiedenen Schmetterlinge in freier Wildbahn im Flug voneinander zu unterscheiden.

War dies schon erstaunlich genug, so erregte bald eine weitere Entdeckung seine Aufmerksamkeit. Bates stellte nämlich bei seinen Untersuchungen fest, dass die eine Familie von Schmetterlingen giftig war und deshalb von vielen Vögeln im Rahmen der Ernährung gemieden wurde. Die anderen ähnlich gezeichneten Falter jedoch waren durchaus wohlschmeckend, wurden aber von Vögeln und anderen Feinden trotzdem nicht angegriffen.

Nach einigem Rätselraten war für Bates der Fall klar: Die ungiftigen Arten hatten im Laufe der Zeit die Warntacht der giftigen Schmetterlinge imitiert und waren dadurch ebenfalls vor tierischen Räubern geschützt. Sie besaßen damit einen gewaltigen Vorteil im täglichen Kampf ums Dasein. Diese Form von Nachahmung, die nach ihrem Entdecker auch Batessche Mimikry genannt wird, kommt – so weiß man heute – in der Natur relativ häufig vor.

Dieses Rollenspiel der Evolution funktioniert aber nur dann, wenn mindestens drei unterschiedliche Protagonisten, die innerhalb des gleichen Lebensraumes leben, daran beteiligt sind – das Vorbild, ein Nachahmer und ein Signalempfänger oder Räuber, der seine Erfahrungen mit der schlecht schmeckenden oder sogar giftigen Beute gemacht hat und deshalb auch die nachahmenden Arten meidet.

Damit Batessche Mimikry auf Dauer funktioniert, müssen die giftigen oder wehrhaften Tiere im gemeinsamen Lebensraum deutlich in der Überzahl sein. Denn sonst würde der Schwindel bald „auffliegen“ und die Räuber mit der Zeit erkennen, dass die meisten Tiere mit dieser auffälligen Färbung doch genießbar und damit für die Jagd ein lohnendes Ziel sind.

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Einen hundertprozentigen Schutz für Modell und perfekte „Kopie“ gibt es in der Natur ohnehin nicht. Fast immer erscheint früher oder später ein Spezialräuber auf der Bildfläche, der gerade die mit der Warntracht ausgestatteten Leckerbissen auf dem Speisezettel stehen hat und sich von einer möglichen Wehrhaftigkeit oder Giftigkeit der Beute auch nicht abschrecken lässt. Mitgefangen – mitgehangen – so lautet dann das Motto für die Nachahmer, die dann gerade wegen ihrer sonst so nützlichen Tarnkappe mit unter die Opfer dieses Fressfeindes geraten.

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Stand: 08.12.2001

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Maskenball im Tierreich
Tarnen und Täuschen als Überlebensstrategie

Gut getarnt, ist halb gewonnen
Tricks zum Überleben

Evolution im Rekordtempo
Industriemelanismus beim Birkenspanner

Tarnkappe Umwelt
Mimese

Eine Sensation im brasilianischen Urwald...
Batessche Mimikry

Ein Plagegeist als Vorbild
Mimikry bei Wespen

Imitieren um zu jagen
Angriffs-Mimikry

Mundraub als Überlebensstrategie
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Wenn sich Räuber als Putzteufel tarnen
Mimikry bei Putzerfischen

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