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Die Koch’schen Postulate

Eine Checkliste für Erreger

Kochs Färbetechniken ermöglichen es ihm, verschiedene Bakterienstämme voneinander zu unterscheiden. Nun

beginnt er die mühsame Arbeit, die einzelnen Bakterien mit bestimmten Krankheiten in Zusammenhang zu bringen. Seine Idee: Es muss für jede Krankheit einen spezifischen Erreger geben. Ist dieser Erreger erst einmal isoliert, so hofft er, könnte man bald auch die Krankheit kontrollieren. Dabei geht Koch höchst systematisch vor.

Lebensmittel-Keim Listeria © CDC

Zunächst vergewissert er sich, dass ein Erreger in jedem Krankheitsstadium im infizierten Wirt zu finden ist. Vom erkrankten Wirt isoliert Koch dann die Erreger und züchtet sie in Reinkultur. Als nächstes impft er Versuchstiere mit Keimen aus diesen Kulturen und beobachtet, ob sie erkranken. Ist dies der Fall, isoliert er den Erreger erneut und vergleicht ihn mikroskopisch mit dem ursprünglichen. Sind sie identisch, konnte er mit Sicherheit sagen, dass dieser Mikroorganismus der Auslöser der Krankheit ist.

Krankheitserreger ja oder nein?

In einem Vortrag über bakteriologische Forschung auf dem 10. Internationalen Medizinischen Kongress 1890 in Berlin fasst Koch die Bedingungen, die ein Erreger erfüllen muss, um ohne Zweifel als Ursache für eine Krankheit zu gelten, zusammen: „Wenn es sich nun aber nachweisen ließe:

  • – erstens, dass der Parasit in jedem einzelnen Falle der betreffenden Krankheit anzutreffen ist, und zwar unter Verhältnissen, welche den pathologischen Veränderungen und dem klinischen Verlauf der Krankheit entsprechen;
  • – zweitens, dass er bei keiner anderen Krankheit als zufälliger und nicht pathogener Schmarotzer vorkommt; und
  • – drittens, dass er von dem Körper vollkommen isoliert und in Reinkulturen hinreichend oft umgezüchtet, imstande ist, von neuem die Krankheit zu erzeugen;

dann konnte er nicht mehr zufälliges Akzidens der Krankheit sein, sondern es ließ sich in jedem Falle kein anderes Verhältnis mehr zwischen Parasit und Krankheit denken, als dass der Parasit Ursache der Krankheit ist.“

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Ausnahmen erweitern die Regel…

Dieser Leitfaden, von seinem Mitarbeiter Friedrich Loeffler als „Kochsche Postulate“ bezeichnet, geht in die Geschichte ein und hat heute immer noch in abgeänderter Form Gültigkeit. Doch längst gelten sie nicht mehr so uneingeschränkt wie zu Kochs Lebzeiten. Er selbst stieß bei der Erforschung des Choleraerregers Vibrio cholerae bereits an die Grenzen seiner Postulate, denn es gelang ihm nicht, Versuchstiere mit dem isolierten Bakterium zu infizieren.

Pockenvirus Variola major © CDC

Inzwischen wurden Krankheitserreger entdeckt, die nicht alle geforderten Bedingungen erfüllen. Viren lassen sich beispielsweise nicht auf einem einfachen Nährmedium kultivieren. Andere Erreger, zum Beispiel Neisseria gonorrhoeae, haben auf Tiere eine andere Wirkung als auf Menschen. Das HI-Virus konnte überhaupt erst mit den modernen Methoden der Molekularbiologie nachgewiesen werden. Aus diesem Grund wurden die Postulate um ein viertes erweitert, das den Nachweis immunologischer Erreger-Wirt-Beziehungen beschreibt.

Bei Kochs Fassung der Postulate stand die Frage im Mittelpunkt, ob ein bestimmter Erreger eine bestimmte Krankheit verursachte. Die abgeänderte moderne Version wird dagegen auf bekannte Erreger angewendet, um die Entstehung einer Infektion im Einzelnen zu klären.

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Stand: 05.07.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Robert Koch
Kämpfer gegen den "unsichtbaren Feind"

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Vom Bergmanns-Sohn zum Mediziner
Beginn eines Forscherlebens

Dem Milzbrand auf der Spur
Vom Landarzt zum Forscher von Rang

Warum Desinfektion manchmal nicht reicht...
Bakteriologie als neue Wissenschaft

Eine Checkliste für Erreger
Die Koch’schen Postulate

Aug' in Aug' mit dem Tuberkelbazillus
Die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers

Der Cholera auf der Spur…
In Sachen Krankheiten unterwegs in Ägypten und Indien

Etabliert, aber rastlos
Robert Koch als Leiter des späteren Robert-Koch-Instituts

Seuchenkampf im Ruhestand
Die letzten Jahre

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