Eine Bombe zur Jahrtausendwende - scinexx | Das Wissensmagazin
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"Lothar" - Sturmlauf über Europa

Eine Bombe zur Jahrtausendwende

Das Jahrtausend verabschiedete sich mit einem echten Knalleffekt: Scheinbar aus dem Nichts raste am 26. Dezember 1999 ein gewaltiger Sturm über West- und Mitteuropa hinweg und hinterließ eine Weihnachtsbescherung der unschöneren Art: Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, Hunderttausende im Dunkeln und Kalten sitzende Menschen und ziemlich zerknirschte Meteorologen.

"Lothar" über Frankreich © MMCD/DWD

Was war geschehen? Der Nordatlantik hatte Europa eine meteorologische Bombe verpasst. Was wie eine vielleicht unangemessen kriegerische Umschreibung klingt, ist tatsächlich offizielle Meteorologensprache: Mit diesem Begriff bezeichnen die Wetterforscher Stürme, die sich geradezu explosionsartig entwickeln – und so der Vorhersage kaum eine Chance lassen, rechtzeitig eine Sturmwarnung auszusprechen. Innerhalb von wenigen Stunden sackt dabei der Luftdruck einer eigentlich „unauffälligen“ Wetterstörung bis in gefährliche Tiefen ab.

Auch bei „Lothar“, so der offizielle Name des Wintersturms, war dies der Fall: Noch am 25. Dezember hatte sein über dem Nordostatlantik liegendes Zentrum einen Luftdruck von gerade einmal 995 Hektopascal (hPa) – in den Augen der Meteorologen absolut harmlos und durchschnittlich. Nur wenige Stunden später jedoch enthüllte Lothar sein wahres Gesicht: Innerhalb von nur drei Stunden registrierten die überraschten Meteorologen der Wetterstation Caen an der französischen Kanalküste einen Druckabfall von 28 Hektopascal. Ein Rekord. Einen vergleichbaren Absturz des Luftdrucks hatte es seit 30 Jahren in Europa nicht mehr gegeben. Sie schlugen Alarm.

Doch für weite Teile Frankreichs und Westdeutschland war es da bereits zu spät: „Lothar“ war schon unterwegs. Über die Bretagne und Normandie hinweg raste der Sturm mit ICE-Geschwindigkeit direkt bis ins Zentrum Frankreichs, den Großraum Paris und weiter nach Westen. Am Pariser Flughafen Orly wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 173 Stundenkilometern gemessen, in den Höhenlagen der Alpen und des Schwarzwaldes sogar noch viel mehr: 212 Stundenkilometer erreichten die Böen auf dem Feldberg, auf dem Wendelstein waren es sogar 259.

Ähnlich wie ihre französischen Kollegen „verpennte“ auch ein Großteil der deutschen Meteorologen den herannahenden Sturm. Offenbar noch ganz in wohlige Weihnachtsstimmung eingelullt ignorierte vor allem der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Alarmsignale und gab keine Sturmwarnung aus. Fernseh- und Radiowetterberichte berichteten allenfalls „Business as usual“, gewarnt wurde nur in Einzelfällen.

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Entsprechend dramatisch waren die Folgen: 122 Menschen starben durch herabstürzende Baumteile oder Gebäudetrümmer. In Südwest-Frankreich mussten Hundertausende mitten im Winter wochenlang ohne Strom und Telephon auskommen. Im Pariser Bois de Bologne knickte „Lothar“ mehr als 140.000 Bäume um wie Streichhölzer und rasierte im Schwarzwald ganze Hänge kahl. Die Bilanz war verheerend: Innerhalb von nur zwei Tagen hatte der Sturm in ganz Europa knapp sechs Milliarden Euro Schäden hinterlassen.

Doch „Lothar“ war kein Einzelfall…

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Stand: 20.10.2003

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Winterstürme
Stürmische Zeiten für Mitteleuropa?

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Winter, Wolkenwirbel und Wellen
Stürme und ihre Folgen

Konfrontation im Nordatlantik
Warum unsere Stürme immer von Westen kommen...

Eine Bombe zur Jahrtausendwende
"Lothar" - Sturmlauf über Europa

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