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Ein universelles Programm

Sprachentwicklung und Muttersprache

Wie universell das biologische Programm der Sprachentwicklung ist – von der Schreiphase und der Lallphase über den Erwerb erster Wörter und syntaktischer Regeln bis hin zur Verarbeitung von komplexen Satzstrukturen – lässt sich besonders an Kindern bestaunen: Mühelos kann jedes Kind jede Sprache der Welt erlernen, in die es hineingeboren wird.

Mithilfe der Attrappe eines Hirnscanners bereitet sich eine junge Probandin auf ein Experiment vor. © MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Blind für „R“ und „L“

Nach der Geburt ist es zunächst offen für jede Sprache, spezialisiert sich dann aber gemäß dem jeweiligen sprachlichen Umfeld. So erkennen in den ersten Lebensmonaten noch alle Kinder weltweit gleichermaßen lautliche Unterschiede, egal ob sie in der jeweiligen Muttersprache von Bedeutung sind oder nicht.

Später können sie dann nur noch diejenigen auseinanderhalten, die in der eigenen Muttersprache relevant sind. Ein berühmtes Beispiel ist der Unterschied zwischen den Sprachlauten „r“ und „l“, der zwar im Deutschen entscheidend ist, um „Rast“ von „Last“ zu trennen, nicht aber im Japanischen. Deshalb geht bei Japanern die Fähigkeit verloren, diese Sprachlaute zu unterscheiden. In anderen Sprachen sind wiederum andere Laute ohne Bedeutung, sodass auch diese verloren gehen.

Schon Babys schreien im Tonfall ihrer Muttersprache © Carin Araujo/ freeimages

Sprachmelodien und geschlechtsspezifische Grammatik

Und auch andere Eigenheiten unserer Muttersprache manifestieren sich schon früh: So zeigen Studien, dass Säuglinge bereits beim Schreien typische „Sprachmelodien“ ihrer Muttersprache nachahmen. Französische Neugeborene produzieren häufiger ansteigende Schreimelodien, kleine Deutsche schreien dagegen eher mit fallender Tonhöhe – und nutzen damit Betonungsmuster, wie sie für diese Sprachen typisch sind.

Wenn dann die Grundlagen des Sprechens einmal gelegt sind, lernen Mädchen und Jungen die Feinheiten der Grammatik jeweils ein wenig anders, wie US-Forscher kürzlich herausfanden. Mädchen speichern konsequent alle Verben – egal ob regelmäßig oder unregelmäßig – in einer Art mentalem Wörterbuch. Dadurch lernen sie auch abstrakte Wörter schnell. Jungen dagegen leiten die regelmäßigen über ein Grammatikmodul ab.

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Angela Friederici, Michael Skeide und Verena Müller / Max-Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Stand: 26.02.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Sprache macht den Menschen
Der kindlichen Sprachentwicklung auf der Spur

Was macht Sprache aus?
Von Wörtern, Assoziationen und Regeln

Vom Gebrabbel zu komplexen Sätzen
Wie lernen Kinder sprechen?

Zuständigkeitswechsel im Gehirn
Wie die Sprachverarbeitung in unserem Gehirn reift

Ein universelles Programm
Sprachentwicklung und Muttersprache

Dem Gehirn beim Sprechen zusehen
Wie Forscher die Sprachentwicklung von Kindern untersuchen

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