Anzeige

Ein Hauch von Amazonas

Der größte Auenwald Mitteleuropas

Eine Besonderheit der Elbe sind die ausgedehnten Auenwälder, die ihren mittleren Flussabschnitt säumen. Zwischen Wittenberg und Magdeburg in Sachsen-Anhalt ist auf einer Länge von etwa einhundert Kilometern das Relikt eines „Dschungels“ erhalten geblieben, ein Stück urtümlicher Natur, das seit Jahrtausenden von der Elbe lebt. Heute ist hier mit einer Fläche von 1.300 Quadratkilometern der größte noch zusammenhängende Hartholz-Auenwald Mitteleuropas zu finden.

25 Jahre altes Biosphärenreservat

Ufer an der mittleren Elbe im Biosphärenreservat "Flusslandschaft Elbe" © K. Papenroth, Weide & Partner

Trotz der bis in die 90er Jahre hinein sehr schlechten Wasserqualität reichte allein die Bewegungsfreiheit der Elbe aus, eine natürlich gewachsene, abwechslungsreiche Auen-Landschaft aus feuchten Wiesen, Alt-Armen, Flutmulden, Dünen, Tümpeln und zeitweise überfluteten Wäldern zu bewahren. Bereits 1979 wurde deshalb der Steckby-Lödderitzer Forst, ein 3.850 Hektar großes Gebiet zwischen Mulde- und Saale-Mündung, als eines der ersten beiden deutschen UNESCO-Biosphärenreservate ausgewiesen. Mittlerweile ist die Schutzzone an der Mittleren Elbe auf 43.000 Hektar angewachsen und Teil der „Flusslandschaft Elbe“, des heute größten Biosphärenreservats Deutschlands.

Doch was macht den mittleren Flussabschnitt der Elbe so einzigartig? Welche Bedingungen bieten Fluss und Aue hier, dass sich an der mittleren Elbe ein „Hauch von Amazonas“ entwickeln konnte?

Dynamischer Flusslauf

Alte Flutrinne in der Elbe-Aue © K. Papenroth, Weide & Partner

Gegenüber dem oberen Flusslauf hat die Elbe im flachen Gebirgsvorland ein viel geringeres Gefälle, in ihrem mittleren Abschnitt verliert sie auf einem Kilometer durchschnittlich nur 17 Zentimeter an Höhe. Deshalb fließt das Wasser hier zunehmend langsamer und in großen Fluss-Schlingen, den so genannten Mäandern. Doch natürliche Flüsse sind keine starren Abflussbahnen – das Wasser arbeitet. Während der Fluss an manchen Stellen das Ufer untergräbt und ständig Material abträgt, wird die Sedimentfracht an seichten, flachen Stellen abgelagert. Es bilden sich neue Flutrinnen, dazwischen Sandbänke und Inseln. Allmählich hat sich so auch die Elbe einen breiten Talbereich geschaffen, in dem sie im Laufe von Jahrhunderten hin- und herpendelt, die Aue. Zwischen Mulde- und Saale-Mündung ist das heutige Elbtal deshalb bis zu zehn Kilometer breit.

Die gesamte Flussaue unterliegt dem ständigen Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser – im Wasserkreislauf völlig normale Ereignisse. Weil regelmäßig große Flächen der Aue überflutet werden und wieder trocken fallen, entstehen spezielle Auenböden. Die angeschwemmte Flussfracht macht sie besonders nährstoffreich, Sog und Druck des schwankenden Grundwassers sorgen für gute Durchlüftung.

Anzeige

Spezielle Auenvegetation

So entwickelt sich eine ganz eigene Auen-Vegetation. In der Nähe des regulären Flussbetts überwiegt die so genannte Weichholz-Aue aus Weiden, Erlen und Pappeln, dazwischen ausgedehnte Sumpfwiesen. Dieser Bereich wird sehr häufig überschwemmt, und die Pflanzen haben sich an die mechanische Belastung durch die Strömung und die zum Teil mehrmonatige Überflutung angepasst: Das harte Kernholz der Bäume entsteht erst sehr spät. Weil sie deshalb in den ersten Lebensjahren noch elastisch sind, überstehen sie auch starke Strömungsgeschwindigkeiten unbeschadet. Auch lang anhaltendes Hochwasser beeinträchtigt die Bäume nicht. Die Silberweide überlebt bis zu vier Meter hohe Überflutungen im Schnitt 90 bis 190 Tage, im Extremfall sogar bis zu 300 Tage.

Weichholzaue an der mittleren Elbe © K. Ppaenroth, Weide & Partner

Nur noch fleckenweise erhalten ist an den meisten europäischen Flüssen die Hartholz-Aue. Stieleichen, Eschen, Ulmen, Feld-Ahorn und Wildobstarten stehen in der Regel weiter landeinwärts. Sie sind aber durch den Deichbau und die landwirtschaftliche Nutzung der ertragreichen Auenböden fast überall verdrängt worden. An der mittleren Elbe ist diese Waldgesellschaft noch zu finden, weil die Deiche hier oft mehrere Kilometer vom Fluss entfernt gebaut wurden. Die Hartholz-Aue wird seltener überflutet als die flussnahen Wiesen. Die am tiefsten gelegenen Wälder stehen hier durchschnittlich bis zu 90 Tage unter Wasser, die am höchsten gelegenen vielleicht nur einmal im Jahrzehnt.

In der Aue sind die unterschiedlichen und sehr verschiedenen Bereiche eng miteinander verzahnt. Jeder Alt-Arm, jede Insel, jede Auenwiese ist ein Biotop für sich, durch das Wasser jedoch werden sie miteinander verbunden. Deshalb gehören Auen zu den artenreichsten Ökosystemen Mitteleuropas. Doch die Weich- und Hartholzauenwälder stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen und sind „von vollständiger Vernichtung bedroht“. Für einige Arten ist die Elbe deshalb eines der letzten Rückzugsgebiete in Mitteleuropa.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. 9
  20. |
  21. weiter


Stand: 03.12.2004

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Quo vadis, Elbe?
Ein Fluss zwischen Wirtschaft und Naturschutz

Zwei Jahre nach der Elbe-Flut
Aus dem Hochwasser nichts gelernt?

Ein Hauch von Amazonas
Der größte Auenwald Mitteleuropas

Biber, Otter, Würfelnatter
Refugium für bedrohte Arten

Ausbau oder Rückbau?
Die Fronten

Hotspot Mittlere Elbe
Degeneration oder Regeneration der Aue?

Hotspot Tschechien
Staustufen oder Lachse?

Hotspot Hamburg
Sechs Elbevertiefungen in einem Jahrhundert

Wasserstraßenkreuz Magdeburg
Technikwunder zum Selbstzweck?

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

News zum Thema

keine News verknüpft

Dossiers zum Thema

Staudämme - Billige Energie oder Vernichtung von Natur und Existenzen?