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Ein eierlegender Säuger

Die Besonderheiten von Ornithorhynchus anatinus

Schnabeltier vor Erdbau © Rainbow606 / CC BY-SA 3.0

Länge: 50 oder 60 Zentimeter. Gewicht: bis 2,5 Kilogramm. Lebensweise: nachtaktiver Einzelgänger; Fleischfresser; guter Schwimmer sowohl in Flüssen als auch in Tümpeln und Seen. Lebenserwartung: knapp zehn Jahre. Der Kurzsteckbrief des Schnabeltiers liest sich wie der eines x-beliebigen Lebewesens. Doch die im Osten und Südosten des australischen Festlandes und auf den vorgelagerten Inseln lebende Art ist alles andere als „normal“.

„Viele Merkmale, wie das Eierlegen und der Schnabel, lassen die Verwandtschaft zu Reptilien und Vögeln vermuten. Andere Merkmale, wie der Besitz eines Fells und die Aufzucht der Jungen mit Milch, deuten jedoch auf die Säugetierverwandtschaft hin“, meint Jürgen Schmitz von der Universität Münster. Der Schnabeltiernachwuchs nuckelt allerdings nicht an Zitzen, sondern leckt die Milch direkt aus dem Fell an der Brust der Mutter.

Säuger mit Reptilieneinschlag

Da sie die drei klassischen Säugermerkmale besitzen – Haare, Milchfütterung, drei Gehörknöchelchen – ordnen Evolutionsbiologen und Systematiker die scheinbaren Mischwesen heute trotz aller Widersprüche in die Gruppe der Säugetiere ein. Genauer gesagt zählen sie die Schnabeltiere zu den so genannten Monotremata oder Kloakentieren. Denn Schnabeltiere besitzen anders als fast alle übrigen Säuger nur eine einzige Öffnung für Exkremente und die Fortpflanzung. Neben den Schnabeltieren gehören zu den Monotremata nur noch die vier Arten der Ameisenigel, die sich ebenfalls in Australien, aber auch auf Neuguinea tummeln.

Dass Schnabeltiere sehr urtümliche Säuger sind und von ihrem Körperbau und den Verhaltensweisen den Reptilien noch sehr nahe stehen, zeigen nach Ansicht von Biologen viele Beispiele. So besitzen sie mit etwa 32° Celsius eine deutlich niedrigere Körpertemperatur als die meisten anderen Säugetierarten. Mindestens ebenso ungewöhnlich sind die Giftsporne der männlichen Schnabeltiere, die sich in der Fersengegend der Hinterbeine befinden. Sie stehen in Verbindung mit speziellen Giftdrüsen am Oberschenkel und kommen vor allem beim Kampf um die Gunst der Weibchen gegen Rivalen zum Einsatz. Ein solcher Giftapparat mit dem hohlen Stachel ist im Säugerreich einzigartig.

Giftsporn am Hinterfuß eines Schnabeltiers © E.Lonnon / GFDL

Konvergente Evolution

Das Gift von Ornithorhynchus anatinus ähnelt dem von Schlangen, die Giftgene bei den beiden Tiergruppen unterscheiden sich nach den Erkenntnissen von Forschern aber deutlich. „Das Gift von Schnabeltieren und Reptilien muss sich in der Evolution also konvergent, das heißt unabhängig voneinander entwickelt haben“, konstatiert Jürgen Brosius von der Universität Münster, der im Jahr 2008 zusammen mit Kollegen das Genom der Schnabeltiere untersucht hat.

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Soweit man bisher weiß, ist das Gift nicht tödlich, weder für die artinternen Konkurrenten noch für den Menschen. Dennoch darf man die Wirkung nicht unterschätzen. Dies zeigt ein früher Erfahrungsbericht aus dem Jahr 1817. Ein Beobachter beschreibt darin den Ablauf und die Folgen der Giftattacke eines Schnabeltiers so: „Das Schnabeltier jagte seine Sporne mit einer solchen Wucht in die Handfläche und den Rücken der rechten Hand und hielt sie darin so fest, dass sie nicht entfernt werden konnten bevor das Tier getötet war. Die Hand schwoll anschließend zu einer ungeheuren Größe an. Der Schmerz war von Beginn an unerträglich. Es dauerte neun Wochen, bis der Mann seine Hand wieder uneingeschränkt benutzen konnte.“

Schmerz und Ödeme

Klinische Studien haben solche Anekdoten längst weitgehend bestätigt. Danach sind heftiger, langanhaltender Schmerz, der auch durch Morphium nicht zu bekämpfen ist, und Ödeme typische Folgen des Schnabeltiergiftes. Die genaue Zusammensetzung und Wirkungsweise des Sekrets ist aber bis heute Gegenstand der Forschung.

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Dieter Lohmann
Stand: 30.09.2011

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Launen der Natur
Schnabeltiere und Ameisenigel

Ein „Ding“ aus einer anderen Welt
Das Schnabeltier: Original oder Fälschung?

Ein eierlegender Säuger
Die Besonderheiten von Ornithorhynchus anatinus

Schnabeltiere jagen mit Elektrosinn
Urtümliche Säuger spüren elektrische Felder der Opfer auf

Spurensuche im Schnabeltier-Genom
Forscher finden faszinierende Mischung von Eigenschaften im Erbgut

(Zu) „heiße“ Zeiten für Schnabeltiere
Klimawandel bringt urtümliche Säuger in Gefahr

Des Schnabeltiers merkwürdige Verwandten
Ameisenigel zeigen bizarres Sexleben

Vier Penis-Spitzen, zwei Eingänge
Rätsel um den Geschlechtsakt der Ameisenigel gelöst

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