Anzeige

Ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheisser

Einstein als kleiner Angestellter

Sehgene (blau) bei Hydra © David Plachetzki/UCSB

Staubkörnchen tanzen in dem Lichtstrahl, der durch das Fenster des Patentamtes Bern dringt. Am Schreibtisch sitzt ein Angestellter, ein „Experte III. Klasse“ vor einigen Unterlagen für eine Erfindung aus dem Bereich der Elektrotechnik. Der Name des Angestellten: Albert Einstein.

Wie kann das sein? Warum sitzt der Schöpfer der allgemeinen Relativitätstheorie, der wohl berühmteste Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, als kleiner Angestellter mit einem Jahresgehalt von 3.500 Franken im Patentamt? Hatte er denn keine besseren Möglichkeiten? Die gab es anfangs tatsächlich nicht. Genaugenommen konnte er sogar froh sein, dass er durch Beziehungen an den Job beim Patentamt gekommen war…

Reisen wir noch ein Stückchen weiter zurück in die Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1896 und Albert Einstein nimmt gerade seine Studien am Polytechnikum in Zürich auf. Seinen Neigungen folgend, belegt er Kurse für den Fachlehrer in Mathematik und Naturwissenschaft. Wie bereits zu Schulzeiten, fällt es ihm schwer, großen Enthusiasmus für Fächer an den Tag zu legen, die ihn weniger interessierten. Er bemerkte selber einmal: „Um ein guter Student zu sein, muss man eine Leichtigkeit der Auffassung haben; Willigkeit, seine Kräfte auf all das zu konzentrieren, was einem vorgetragen wird; Ordnungsliebe, um das in den Vorlesungen Dargebotene schriftlich aufzuzeichnen und dann gewissenhaft auszuarbeiten. All diese Eigenschaften fehlten mir gründlich, was ich mit Bedauern feststellte.“ Daher schwänzt er einige Vorlesungen und „studierte zu Haus die Meister der theoretischen Physik mit heiligem Eifer.“

Nach seinem Abschluss mit Diplom im Jahre 1900 bekam er allerdings nicht die von ihm angestrebte Assistentenstelle, vermutlich, weil seine Professoren ihn als zu eigenständig einschätzten. Aber auch wenn er nicht alle Anweisungen befolgte und Skriptunterlagen einfach in den Müll warf, waren seine Lösungen doch immer richtig und seine unkonventionellen Lösungsansätze interessant. Einer seiner Dozenten sagte ihm einst: „Sie sind ein gescheiter Junge, Einstein, ein ganz gescheiter Junge. Aber Sie haben einen Fehler: Sie lassen sich nichts sagen!“

Lage der Höhle 13B bei Pinnacle Point © The Mossel Bay Archaeology Project

Warme Worte und gutgemeinte Ratschläge halfen Einstein in dieser Situation jedoch nur wenig. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, gab hier und da Privatstunden. Seine finanzielle Lage verschlechterte sich noch, als seine Studienkollegin Mileva Marin von ihm schwanger wurde. 1903 heirateten die beiden, noch immer hatte keine von Alberts Bewerbungen um Universitätsstellen Erfolg. Unter anderem schrieb Einstein einen Brief an den bekannten Chemiker, Physiker und späteren Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, in dem er um eine Stelle bat. Als Referenz sandte er einen Forschungsartikel über Kapillarität mit, den er während seiner Zeit als Privatlehrer verfasst hatte. Dies war damals durchaus kein üblicher Weg der Bewerbung und blieb denn auch ohne Erfolg.

Anzeige

Einstein wartete vergeblich auf eine Antwort des Gelehrten. Auch eine Bewerbung bei Professor Heike Kamerlingh-Onnes in Leiden, Holland blieb ergebnislos. Nun beschloss Alberts Vater, seinem Sohn unter die Arme zu greifen, und schrieb seinerseits einen Brief an Professor Ostwald. Doch obwohl er mit freundlichen Worten schloss („Sollte es Ihnen überdies möglich sein, ihm für jetzt oder nächsten Herbst eine Assistentenstelle zu verschaffen, so würde meine Dankbarkeit eine unbegrenzte sein.“), war Ostwald noch immer nicht bereit, Albert zu helfen.

Man kann sich daher die Erleichterung der ganze Familie vorstellen, als Einstein endlich durch seinen früheren Freund Marcel Großmann die Stelle am Patentamt bekam. Im Rückblick war diese Anstellung als „ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheisser mit ordentlichem Gehalt“, wie er sie selber nannte, möglicherweise ein großes Glück für seine Karriere. Schließlich hatte er hier endlich eine Arbeit gefunden, die ihm Zeit genug ließ, in aller Ruhe seinen Ideen nachzugehen und sein autodidaktisches Studium fortzusetzen. Und tatsächlich verfasste er während dieser Zeit einige seiner wichtigsten Arbeiten. Unter anderem die, die ihm später den Nobelpreis einbrachte.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. 9
  20. |
  21. 10
  22. |
  23. 11
  24. |
  25. 12
  26. |
  27. weiter


Stand: 22.03.2001

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Albert Einstein
Wie die Zeit relativ wurde und die vierte Dimension entstand

War Einstein ein schlechter Schüler?
Vom hässlichen Entlein zum strahlenden Schwan

Ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheisser
Einstein als kleiner Angestellter

Als das Universum noch vorstellbar war
Zeit und Raum vor Einstein

Jedem eine eigene Uhrzeit
Das Ende der absoluten Zeit

Raum und Zeit wurden zu Kaugummi
Was folgt aus der Relativitätstheorie?

Relativitätsrummel
Eine Sonnenfinsternis bringt den Beweis

Wofür Beamte neben der Arbeit noch Zeit haben
Den Nobelpreis gab es nicht für E = mc²

Im Kampf mit der blonden Bestie
Politik, Barbarien und Aufrufe zum Mord

Als 330.000 Menschen starben
Eine Gleichung mit Konsequenzen

Das gute Gewissen eines Handwerkers
Welche Schuld trifft Einstein am Bau der Atombombe?

Mythos Einstein
Was ist geblieben?

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

News zum Thema

keine News verknüpft

Dossiers zum Thema