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Die Wurzeln des Kreativseins

Warum Geistesblitze glücklich machen

Kreatives Denken ist kein modernes Phänomen: Schon unsere frühen Vorfahren bewiesen vor zehntausenden Jahren ihre Kreativität, indem sie immer bessere Steinwerkzeuge erfanden, neue Formen der Kleidung und der Behausungen entwickelten oder eindrucksvolle Kunstwerke an Höhenwänden hinterließen. Tatsächlich gilt die Kreativität als das Merkmal, das den Menschen womöglich am deutlichsten von seinen tierischen Verwandten unterscheidet.

Neandertaler, Homo sapiens
Dem Neandertaler (links) fehlten noch einige Gene für das kreative Denken. © Harvard Museum of Natural History/ DrMikeBaxter/ CC-by-sa 2.0

Kreative Gene

„Im Vergleich zu anderen Hominiden zeigt der Homo sapiens eine bemerkenswerte Kreativität: Er demonstriert Innovation, Flexibilität, vorschauende Planung und besitzt auch die kognitiven Voraussetzungen für Symbolismus und Selbstbewusstsein“, erklärt Igor Zwir von der Universität von Granada. Der Intelligenzforscher hat 2021 gemeinsam mit Kollegen nachgewiesen, dass sich der Mensch in puncto Kreativität messbar von frühen Menschenformen wie dem Neandertaler oder von den Schimpansen als unseren engsten Verwandten im Tierreich unterscheidet.

Ablesbar ist dies nicht nur am Verhalten oder archäologischen Funden – es zeigt sich sogar in unseren Genen. Denn nur wir Menschen haben den vollen Satz von 972 mit der Kreativität verknüpften Genen, wie Zwir und sein Team herausfanden. Sie befähigen uns zum rationalen, selbstreflektierten Problemlösen, aber auch zu emotionaler und sozialer Kreativität. Zwar tragen auch Schimpansen 509 dieser Kreativitäts-Gene in sich, sie steuern aber vor allem Hirnnetzwerke, die ihnen emotionale und soziale Kreativität verleihen.

Vom Glück des „Heureka“-Moments

Die Suche nach den biologischen Wurzeln der Kreativität zeigt auch, wie tief diese Fähigkeit in unserem Denken und Fühlen verankert ist. Denn es ist kein Zufall, dass der Moment, in dem wir eine innovative Lösung für ein Problem finden oder etwas völlig Neues erfinden, ein intensives Glücksgefühl und eine tiefe Befriedigung auslöst. Dies gilt insbesondere für das „Heureka“-Erlebnis, bei dem sich plötzlich all die Puzzleteile und Ansätze zusammenfügen und wie aus dem Nichts die Lösung vor uns liegt.

Geistesblitz
Kreative Geistesblitze lösen ein Glücksgefühl aus. © emma / Getty images

„Dieses Gefühl unterscheidet diesen Moment der Erkenntnis von allen anderen Formen des Denkens“, erklären Yongtaek Oh und sein Team von der Drexel University in Philadelphia. „Es könnte erklären, warum einige Menschen motiviert genug sind, um sich einer Karriere in der Kunst, dem Ingenieurswesen, dem Design oder der wissenschaftlichen Forschung zu widmen – Bereichen, die mit mühevollem Lernen und anspruchsvollem Problemlösen verbunden sind.“ Gleichzeitig steckt das Streben nach diesem Aha-Moment wahrscheinlich dahinter, wenn wir in unserer Freizeit gerne Kreuzworträtsel und Rätsel lösen, Gehirntrainings absolvieren oder Detektivgeschichten lieben.

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Was steckt dahinter?

Doch was steckt hinter diesem Wohlgefühl bei einer neuen Idee, einem Geistesblitz oder der kreativen Lösung eines Problems? Oh und seine Kollegen haben dies untersucht, in dem sie die Hirnströme von Testpersonen analysierten, während diese eine knifflige Problemlösungsaufgabe in Form von Anagrammen lösten. Dabei sahen die Teilnehmenden ein Kunstwort aus durcheinandergewürfelten Buchstaben, das erst bei korrekter mentaler Sortierung der Buchstaben einen existierenden Begriff ergab.

Weil die Lösung dieser Aufgabe sowohl durch kreative Geistesblitze als auch durch rationale Analyse in Form eines geistigen Durchspielens der Möglichkeiten erreicht werden kann, sollten die Testpersonen dies angeben: Nach Aussprechen des Lösungsworts konnte sie dafür je nach Art ihrer Problemlösung einen entsprechenden Button anklicken. „Wir vermuteten, dass es signifikante Unterschiede in der neuronalen Aktivität zwischen dem Geistesblitz und der analytischen Lösung geben würde“, so die Forschenden.

GAmmawellen
Gammawellen-Aktivität nach einem kreativen Geistesblitz. © Drexel University

Signal vom Belohnungssystem fast wie beim Orgasmus

Und tatsächlich: Nur wenn die Testperson einen echten Aha-Moment erlebte, zeigte sich in ihrem Gehirn rund 100 Millisekunden später ein auffallender Schub an hochfrequenten Gammawellen. „Dieses Signal wurde in Teilen im orbitofrontalen Cortex erzeugt, einer Region, die eng mit Belohnung und Glücksgefühlen verknüpft ist, wie sie beispielsweise durch kulinarischen Genuss, glücklich machende soziale Erfahrungen, Drogen, und den Orgasmus entstehen“, erklären Oh und sein Team.

Mit anderen Worten: Wenn wir kreativ sind oder einen echten Geistesblitz erleben, springt das Belohnungssystem in unserem Gehirn an – und dies macht uns glücklich. Dies erklärt, warum wir Menschen zu kreativem Denken und Tun motiviert sind – selbst wenn es uns Zeit und Mühe kostet. Dieser innere Antrieb könnte es nach Ansicht der Forschenden auch gewesen sein, der unsere Vorfahren dazu trieb, neue Dinge auszuprobieren, neue Werkzeuge zu entwickeln und unbekannte Gegenden zu erkunden, selbst wenn zunächst viele dieser Versuche scheiterten und ihnen keine unmittelbaren Vorteile brachte.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Das Geheimnis der Kreativität
Wie funktioniert kreatives Denken – und wie können wir es fördern?

Was ist Kreativität?
Von schöpferisch bis "Out of the Box"

Die Wurzeln des Kreativseins
Warum Geistesblitze glücklich machen

Suchen, finden und sortieren
Was passiert beim kreativen Denken unserem Gehirn?

Edisons Rezept
Wie kann man seine Kreativität fördern?

Was unsere Kreativität hemmt
Ohne Ruhe und Muße geht es nicht

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