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Die Vorgeschichte

Eine Katastrophe bahnt sich an

Das bisher größte Atomunglück der Geschichte ist – wie so oft bei solchen Katastrophen – eine Verkettung fataler Umstände. Eine Kombination von Schwachstellen im Reaktorkonzept, Sicherheitsverstößen der Bedienmannschaft und Fehleinschätzungen der Situation führen in der Nacht zum 26. April 1986 zu einem folgenreichen Desaster.

Schema eines graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhren-Reaktors (RBMK). © Fireice/ CC-by-sa 3.0

Der Reaktor

Die Reaktoren von Tschernobyl gehören zu dem nur in der früheren Sowjetunion gebauten Typ des graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhren-Reaktors (RBMK). Bei diesem sind die Uran-Brennelemente nicht gemeinsam in einem Druckbehälter eingeschlossen, sondern stehen einzeln in rund 1.700 von einem Graphitblock umschlossenen Röhren.

Das Graphit dient im Reaktor als Moderator: Es bremst die freiwerdenden Neutronen so weit ab, dass sie weitere Kernspaltungen auslösen können und hält dadurch die Kettenreaktion in Gang. Doch es gibt auch einen großen Nachteil: Graphit ist brennbar. Um den Reaktorblock zu kühlen und gleichzeitig Dampf zur Stromerzeugung zu produzieren, wird Wasser von unten durch die Röhren gepumpt.

Leitstand im Atomkraftwerk von Tschernobyl - hier für Reaktor 1. © Carl A. Willis, wts wikivoyage/ CC-by-sa 3.0

Um die Kernreaktion zu kontrollieren, können von oben Steuerstäbe aus Borkarbid in die Röhren eingefahren werden. Der Schwachpunkt hier: Diese Absenkung dauert bis zu 18 Sekunden – eine echte Schnellabschaltung ist daher nicht möglich. Im Ernstfall kann in einem überhitzten Reaktor innerhalb weniger Sekunden eine Kernschmelze beginnen oder eine Wasserstoffexplosion stattfinden.

Das Experiment

26. April 1986. Eigentlich fängt alles ganz harmlos an. Für diese Nacht ist ein Experiment geplant, das einen wichtigen Aspekt der Reaktorsicherheit testen soll: Die Ingenieure wollen wissen, ob die Turbinen bei einem Stromausfall lange genug auslaufen, um die Pumpen für die Kühlung so lange in Gang zu halten, bis die Diesel-Notstromgeneratoren starten. Paradoxerweise löst damit ausgerechnet ein Test, der gegen Störfälle wappnen soll, die Katastrophe aus.

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Blick in den Raum über dem Reaktorblock, hier beim stillgelegten Reaktor 1 von Tschernobyl. © Cs szabo/ CC-by-sa 2.5

Gegen 01:00 Uhr nachts beginnen die Vorbereitungen für den Test. Die Ingenieure drosseln die Nennleistung im Reaktorblock 4 und schalten eine der beiden Turbinen des Reaktors ab. Doch es gibt ein Problem: Die Leistung fällt zu stark ab. Um dies auszugleichen, ziehen sie weitere Steuerstäbe aus dem Reaktorblock. Statt der Mindestzahl von 30 Stäben sind nur noch acht eingefahren. In dieser Situation müsste der Reaktor sofort abgeschaltet werden – doch das geschieht nicht.

Stattdessen beginnt die Betriebsmannschaft mit dem geplanten Experiment und unterbricht die Dampfzufuhr zur Turbine. Die Turbine läuft aus, und damit verringert sich die Leistung der zuvor auf Volllast laufenden Kühlpumpen. Als Folge nehmen Kernreaktionen und Hitze sprunghaft zu. Doch die Techniker ignorieren die Warnsignale und überbrücken sogar die automatische Sicherheitsabschaltung.

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Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

30 Jahre Tschernobyl
Der größte Atomunfall der Geschichte, eine Ruine und die Folgen

Die Vorgeschichte
Eine Katastrophe bahnt sich an

Der Unfall
Der GAU ist nicht zu stoppen

Tödliche Terra inkognita
Uranlava, ein löchriger Sarkophag und viel Staub

Hochradioaktive Brühe
Die Tschernobyl-Ruine hat ein Wasserproblem

Koloss auf Schienen
Eine neue Schutzhülle für den Reaktor

In der "verbotenen Zone"
Gefahrenzone, Refugium und Forscherparadies in einem

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