Die unlogische Angst - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Das Beispiel BSE

Die unlogische Angst

Häufig fühlen Menschen jedoch am meisten Angst vor Dingen, die sie kaum bedrohen. Ein Beispiel dafür bietet die Rinderkrankheit BSE, deren Bezeichnung sich vom englischen Begriff bovine spongiform encephalopathy ableitet und die im Deutschen häufig schlicht „Rinderwahnsinn“ genannt wird. Bei dieser Erkrankung verändert sich das Hirngewebe von Rindern schwammartig.

BSE © MMCD GmbH / IMSI MasterClips

Im Jahr 2000 griff BSE in vielen europäischen Ländern um sich, so in Großbritannien, Irland, Portugal, Frankreich und der Schweiz. Deutschland hingegen wurde von der damaligen Regierung für BSE-frei erklärt. „Deutsches Rindfleisch ist sicher“ – diese Phrase wurde unentwegt wiederholt, sowohl vom Präsidenten des Bauernverbands, als auch vom damaligen Landwirtschaftsminister. Die Deutschen ließen sich nur allzu gern beruhigen. Der Import von Fleisch aus Großbritannien wurde verboten und den Menschen suggeriert, sie wären auf der sicheren Seite, wenn sie bei ihrem Metzger Fleisch von in Deutschland gezüchteten Kühen verlangen würden.

Von der illusorischen Gewissheit…

Wie sehr diese Gewissheit trog, stellte sich bald heraus, denn umfangreichere Tests deckten BSE auch in deutschen Rinderherden auf. Doch umgehend wurde die nächste Illusion der Gewissheit aufgebaut: Gut, so der Tenor, es gibt auch in Deutschland BSE-Kühe, doch sie werden alle mit den Tests aufgespürt. Als die Medien dann von der ersten an BSE erkrankten Kuh berichteten, die von Tests übersehen worden war, war die Öffentlichkeit erneut schockiert.

Wieder war eine illusorische Gewissheit dahin. Die BSE-Krise schlug insgesamt hohe Wellen. Laut Umfragen des Allensbach-Instituts fühlten sich sehr viele Menschen durch die Rinderseuche BSE persönlich gefährdet. Auch brach der Rindfleischkonsum temporär stark ein. Zu guter Letzt führte die Krise sogar dazu, dass sich das Ministerkarussell drehte und hohe Ämter neu besetzt wurden.

…zur überzogenen Angst

Und all das, obschon BSE nach heutigen Erkenntnissen nicht einmal allzu gefährlich für den Menschen zu sein scheint. Europaweit sind an der den Menschen betreffenden Variante der Creutzfeldt-Jacob-Krankheit in den vergangenen 25 Jahren nur etwa 140 Menschen gestorben. Das sind, wie Ortwin Renn von der Universität Stuttgart festgestellt hat, ungefähr genauso viele Todesfälle, wie sie im selben Zeitraum durch das Trinken von parfümiertem Lampenöl verursacht wurden. Sie betrafen zumeist kleine Kinder, doch kaum jemand hat je über dieses Risiko berichtet. Auch das mindestens zehnfach höhere Risiko, an einer Salmonellenvergiftung zu sterben, erregt bei Weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit, die damals der Bedrohung durch BSE zuteil wurde.

Anzeige

Ähnliche mediale Wellen der Angst lösten in den Folgejahren SARS oder die Vogelgrippe aus. Das soll nicht heißen, dass diese Risiken keine Aufmerksamkeit verdienen oder nicht untersucht werden sollen. Auch geht es nicht darum, die Ängste der Menschen als abwegig und irrational darzustellen. Der Punkt ist vielmehr, die Ängste zu verstehen und zu erkennen, warum Menschen nun einmal vor bestimmten Risiken mehr Angst haben als vor anderen. Nur durch ein solches Verständnis kann man den Menschen dabei helfen, mit diesen Ängsten richtig umzugehen.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. 9
  20. |
  21. weiter


Stand: 14.09.2007

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die Angst nach dem Terror
Wie gehen wir mit Bedrohungen um?

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Die Illusion der Gewissheit
Warum wir schlecht mit Unwägbarkeiten leben können

Die unlogische Angst
Das Beispiel BSE

Nach dem 11. September
Die unerwarteten Folgen des Terrors

„Dread risks“
Unwahrscheinlich, aber verheerend

Böse Falle Vermeidungsverhalten
Die indirekten Folgen des Terroranschlags

1.600 unnötige Opfer
War das Vermeidungsverhalten typisch amerikanisch?

Terror in den Köpfen
Informierter Umgang mit Risiken entscheidend

Diaschauen zum Thema

News zum Thema

Affen knobeln besser
Erst soziale Fähigkeiten machen uns überlegen

Gene schuld an Sucht
Erbgutvariationen beeinflussen Belohnungsintensität und damit das Suchtrisiko

Blockiertes Sinnesorgan macht Mäuseweibchen zu „Mackern“
Männliche Verhaltensstrukturen auch im weiblichen Gehirn angelegt

Berührungen schützen Frauen vor Stress
Verbale Unterstützung alleine hilft dagegen kaum

„Charakter-Gen" macht Meisen neugierig
Zusammenhang zwischen Genvariante und Erkundungsverhalten nachgewiesen

Dossiers zum Thema

Träumen - Wenn das Gehirn eigene Wege geht...

Anzeige
Anzeige