Anzeige

Die Schellenberger Eishöhle

Höhlenforschung in der Unterwelt Berchtesgadens

Eishöhlen gibt es auch in Deutschland. Ein Beispiel ist die Schellenberger Eishöhle bei Berchtesgaden – die einzige deutsche Eishöhle, die als Schauhöhle besichtigt werden kann. Sie liegt etwa 1.570 Meter über dem Meeresspiegel, die Temperaturen hier können im Sommer 30 Grad erreichen. Trotzdem besitzt die Höhle einen mächtigen Eiskörper, der rund 10 bis 30 Meter dick ist. Das Eis bildet Eisfälle, Figuren, durchsichtige Wände und bedeckt den Boden dieser Höhle.

{1l}

Die Form der Höhle ist für die Eisbildung besonders günstig: Ihr Eingang liegt an einem der höchsten Punkte der Höhle, von dort aus führen Gänge nach unten in größere Hohlräume. Diese sackartige Form sorgt dafür, dass im Winter Kaltluft einströmen kann, im Sommer aber nur wenig warme Luft in die tieferen Lagen eindringt. Die Lufttemperatur im unteren Bereich der Höhle steigt dadurch selbst im Sommer nur kurzfristig knapp über den Gefrierpunkt.

Offener Eingang und altes Eis

Im Gegensatz zu den zahlreichen Eishöhlen in Österreich hat die Schellenberger Höhle keine menschgemachten Türen und Schleusensysteme. Das macht sie für die Forschung besonders interessant, da die strukturell bedingten Voraussetzungen für die Eisbildung dadurch bis heute unverändert blieben. Veränderungen in der Masse des Eiskörpers beruhen damit ausschließlich auf klimatischen Veränderungen. Das Eis in dieser Höhle ist zudem bereits sehr alt, wie die Forscher feststellten: Die Datierung eines Laubblatts, das sie im Juli 2013 aus dem Eiskörper entnahmen, zeigte, dass die ältesten Eisschichten in dieser Höhle mindestens 1.000 Jahre alt sind. Schätzungen auf Basis von im Eis eingelagerten Pollen gehen für die ältesten Eisteile sogar von 3.000 Jahren aus.

Eisfall in der Schellenberger Eishöhle © Gerhard Palnstorfer / CC-by-sa 2.0 us

Temperaturen und Eisstände in der Schellenberger Höhle wurden bereits von 1876 an von Eberhard Fugger und später von Fritz Eigert dokumentiert, allerdings sind die Daten lückenhaft. Um die Klimaforschung an diesem Standort zumindest in Grundzügen aufzuarbeiten, haben die RUB-Forscher alle Originalprotokolle digitalisiert und analysiert sowie ihre eigenen Messdaten ab 2007 hinzugefügt. Die Analyse der alten Daten ergab, dass die Eismenge Ende des 19. Jahrhunderts sogar noch zugenommen hat. Die Wissenschaftler nehmen an, dass das Höhlenklima damals noch unter dem Einfluss der „Kleinen Eiszeit“ stand, welche etwa von der Mitte des 14. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauerte.

Anzeige

Klimawandel trifft auch Höhleneis

In der Zeit von 1958 bis 1978 hatte die Erwärmung des 20. Jahrhunderts aber offenbar bereits eingesetzt. Obwohl es laut den Daten zu dieser Zeit keine besonders feuchten oder trockenen Jahre gab, ging die Eismasse durchschnittlich um bis zu 30 Zentimeter pro Jahr zurück. Allein in der sogenannten Angermayerhalle der Schellenberger Höhle schrumpfte das Eis um 3.600 Kubikmeter – und das, obwohl die äußeren Bedingungen eigentlich dem Eisaufbau förderlich waren.

Die Messungen von Pflitsch und seinen Kollegen von Oktober 2007 bis Juni 2013 legen nahe, dass das Eis in einigen Teilen der Höhle zurückging, während die Eismasse in anderen Bereichen wuchs. Es wird zwar noch einige Jahre dauern, bis die 32 neu angelegten Messpunkte zur Eisstandserfassung klare Trends zeigen. Klar ist aber bereits, dass sich die Höhle von 1876 bis 2008 weitreichend erwärmte. Das Eis taut demnach langfristig ab – analog zu vielen Gletschern auf der Erdoberfläche.

Tauender „Eiskamm“: abschmelzendes Eis im Höhleninneren. © RUBIN/ Pflitsch

Wetterextreme wirken sich besonders stark aus

Aus den neuen Daten wird außerdem deutlich, dass die Variation der Eismenge und Temperaturen in der Höhle in erheblichem Maße von Extremjahren beziehungsweise Extremereignissen mit viel Niederschlag oder besonders hohen oder geringen Wintertemperaturen abhängen. So scheinen die vergangenen kalten Winter in Deutschland zu einem zumindest kurzzeitigen Stopp der Eisabnahme oder an einigen Stellen sogar zu einer Zunahme an Eis in der Schellenberger Höhle zu führen.

Da im Zuge des Klimawandels in Zukunft vermehrt Extremereignisse auftreten könnten, könnte auch die Spannbreite des Höhlenklimas zunehmen. Eishöhlen bieten somit ein interessantes Forschungsgebiet, um den Einfluss der Klimaänderungen auf die Umwelt zu beobachten. Da die Höhlenräume im Inneren eines Berges beziehungsweise unterhalb des Bodens nur eingeschränkt bis fast gar nicht mit der Außenatmosphäre verbunden sind, bleiben deren äußere Signale gedämpft und sind nur mit einer gewissen Verzögerung von Stunden bis Jahren in der Höhle wahrnehmbar.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. weiter

RUBIN / Andreas Pflitsch, Christiane Meyer, David Holmgren, AG Höhlen- und U-Bahn-Klimatologie, Geographisches Institut der Ruhr-Universität Bochum (RUB)
Stand: 28.03.2014

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Geheimnisvolle Unterwelt
Dem dynamischen Klima von Höhlen auf der Spur

kein Dossierinhalt gefunden

Diaschauen zum Thema

News zum Thema

Brasilien: Höhlenmalereien per Zufall entdeckt
Biologen stoßen auf bis zu 10.000 Jahre alte Steinzeitkunst im Cerrado-Hochland

Höhlenmalerei: Handabdrücke stammten von Frauen
Drei Viertel der steinzeitlichen Abdrücke wurden von Frauen hinterlassen

Tiefster Höhlenbewohner der Erde entdeckt
Winziges Insekt lebt 1.980 Meter unter der Erdoberfläche

Dossiers zum Thema

Höhlen - Geheimnisvolle Welt unter der Erde

Kalk - Über eine ungewöhnliche Allianz aus Wasser und Stein