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Die Holländermühle

Blüte und Untergang eines multifunktionalen Energieträgers

Die Konstruktionsweise der Bockwindmühle hat jedoch auch ihre Nachteile. Die Stabilität der Mühlen war gering im Vergleich zu dem, was später kam, höhere Windstärken konnten nicht ausgenutzt werden. Ein neuer Mühlentypus, nach der Herkunft seiner Konstrukteure benannt, schaffte hier Abhilfe und verdrängte im 16. Jahrhundert auch in Deutschland nach und nach die althergebrachte Bockwindmühle – die Holländerwindmühle.

Auf das breite, gemauerte Fundament wurde eine meist achteckige Holzkonstruktion, die „Kappe“ oder „Haube“ mit dem Flügelrad aufgesetzt. Während die Bockwindmühle trotz ihrer weiten Verbreitung und ihres jahrhundertelangen Einsatzes ein erstaunlich gleichbleibendes Äußeres bewahrt hatte, entwickelten sich bei den Holländermühlen relativ rasch unterschiedlichste Variationen. Man unterscheidet zwischen „Galerieholländern“, „Erdholländern“, Kellerholländern“, „Bergholländern“ und „Dachholländern“. Sie kamen hauptsächlich als Getreidemühlen, jedoch auch als Ölmühlen, Farbmühlen, Sägemühlen, Wasserschöpfmühlen, Kreidemühlen, Gipsmühlen oder Schnupftabakmühlen zum Einsatz.

Das neue Fundament bot viel mehr Stabilität als die relativ instabile Bockkonstruktion. Außerdem hatte die Mühle mehr Stauraum und erleichterte dem Müller insofern die Arbeit, als dass nur noch die Kappe mit dem Flügelrad in den Wind gedreht werden musste – die nur noch ungefähr der Hälfte des Gewichtes der Bockmühle aufwies. Der Einsatz von bis zu 30 Meter langen Flügelrädern wurde möglich. Da beim Betrieb die Energieausbeute in der dritten Potenz im Verhältnis zum Flügelradius steigt, waren die Holländermühlen auch wesentlich leistungsfähiger. Bei gutem Wind erzeugt eine Holländermühle bis zu 30 Kilowatt. In einer technischen Weiterentwicklung wurde auch die lästige Ausrichtung der Mühle in den Wind nicht mehr vom Müller über eine außen angebrachte Holzkonstruktion durchgeführt – sondern vom Wind selbst.

Die Windrose ist ein Seitenrad der Mühle, die 1745 und 1750 in England und Schottland erfunden wurde. Sie liegt auf der dem Wind abgekehrten Leeseite der Mühle. Ihre Welle steht im rechten Winkel zur Welle des Flügelrades. Ändert sich nun die Windrichtung und gerät die Windrose in den Wind, beginnt sie sich zu drehen und treibt dabei den Mechanismus an, über den die Kappe mit dem Flügelrad automatisch wieder in die optimale Ausrichtung zum Wind gebracht wird.

In den wirtschaftlichen Ballungsräumen der damaligen Zeit kam den Windmühlen die entscheidende Bedeutung zu – so befanden sich in Zaanse Schanz in der Nähe von Amsterdam annähernd 500 Windmühlen auf engstem Raum und bildeten sozusagen die ersten Gewerbegebiete. Die technisch hochstehenden Windmühlen des 18. Jahrhunderts bereiteten eine Entwicklung vor, die zugleich ihren eigenen Untergang bedeutete – die Industrialisierung.

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In zwei Phasen begann nun in dieser Zeit in Europa ein großes Mühlensterben. Die erste Phase wurde durch die Erfindung der ersten Dampfmaschinen im achtzehnten Jahrhundert eingeläutet. Die beginnende Industrialisierung emanzipierte sich allmählich von den erneuerbaren Energien, und es wurde möglich, Wirtschaftsstandorte nicht mehr nur ausschließlich dort anzusiedeln, wo die Energiequellen Wind und Wasser in ausreichendem Maß zur Verfügung standen. Mit technischer Weiterentwicklung versuchten die Freunde und Förderer der Mühlentechnik diesem Trend entgegenzutreten – jedoch vergeblich. Als im neunzehnten Jahrhundert die Entwicklung von Verbrennungsmotoren und schließlich der Elektrizität den wirtschaftlichen Aktivitäten des industrialisierten Europas kräftigen Anschub verlieh, war dies zugleich der Todesstoß für die Windmühlen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland noch 20.000 Mühlen, die betrieben wurden. Mitte der 30er Jahre waren immerhin noch 5.000. In den fünfziger Jahren kam in Deutschland das endgütige Aus für das alte Handwerk. Per Gesetz wurde die Ausübung des Müllereiwesens verboten, doch konnte zum damaligen Zeitpunkt noch niemand ahnen, das mehr als 50 Jahre später die Betreiber neuer, moderner Windkraftanlagen vom Staat sogar beträchtliche Unterstützung erfahren würden…

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Stand: 06.04.2000

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Windenergie
Die Kraft des Windes und ihre Nutzung

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