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Die hessischen Tropen

Messel - ein fast vollständig erhaltenes Ökosystem

Messel lag vor 50 Millionen Jahren etwa auf der Höhe von Neapel, also 10 Grad näher am Äquator. Außerdem war das Erdklima ohnehin wärmer als heute. So dürfte sich rund um den Messeler Maarsee eine ausgedehnte Tropenlandschaft erstreckt haben, mit 25°C Durchschnittstemperatur und immergrünem Wald.

Am Maarsee von Messel lebten sechs Familien Krokodile. Die meisten von ihnen wurden allerdings nicht länger als 1,20 Meter. Ausnahme war das bis zu vier Meter lange Asiatosuchus. © Naturmuseum Senckenberg

Der See selbst war ein tiefes Wasserloch. Tiefbohrungen haben 200 Meter bituminöse Tonsteinen durchstoßen, welche gleichzeitig die Form des eozänen Sees nachzeichnen. Doch im Gegensatz zum späteren Stöffeler Maar ist der See nicht durch eine Katastrophe verschüttet worden, sondern ungewöhnlich langsam, über fast zwei Millionen Jahre, versandet. In seinen feinen Sedimenten schlummert nahezu die gesamte Fauna und Flora seiner Zeit, welche nun wieder ans Tageslicht geholt wurde.

Für das hessische Bergland heute eher ungewöhnlich, damals aber sehr zahlreich vorhanden: Krokodile. Die meisten waren allerdings nur 1,20 Meter lang. Gefährlicher war da wohl ihr bis zu vier Meter langer Verwandter Asiatosuchus. Die Reptile machten Jagd auf die zahlreichen Frösche (drei Familien), von denen man ein Exemplar sogar mit Laich fand. Kaulquappen hingegen fehlen fast völlig, vielleicht weil Raubfische ihnen nie Gelegenheit gaben, in die Seemitte vorzustoßen. Weitere Beute waren vermutlich Schildkröten und Knochenfische.

Um den See herum schlängelte, kroch, lief und flog eine exotische Tierwelt durch den Regenwald. Die Sumpfigen Stellen der Zuflüsse und Niederungen waren mit Riedgräsern, Weiden und Farnen bedeckt. Palmen, Lianen und Mistelgewächse leiteten zum Hochwald über. Dort lauerten Würgeschlangen, den heutigen Phytons und Boas verwandt, auf Beute.

Berühmt wurde Messel durch seine Säugetiere. Sie besiedelten im Eozän vor 50 Millionen Jahren offenbar bereits viele Lebensräume. Dieser bodenlebender Insektenfresser Leptictidium nasutum hatte einen körperlangen Schwanz und lange Hinterbeine. Es lebte auf dem Urwaldboden, war ein schneller Räuber und ernährte sich von Reptilien, Säugetieren und Insekten. Dies fanden Wissenschaftler durch Untersuchungen des Skelettes, der Zähne und des Mageninhalts heraus. © S. Tränkner / J. Habersetzer - Naturmuseum Senckenberg

Und derer gab es augenscheinlich genug: Allein von den etwa 60 Säugern, die für einen solchen Lebensraum charakteristisch wären, fand man bisher 40. Darunter mehrere Arten von Urpferden, die in kleinen Gruppen durch den Wald und die Lichtungen strichen. Die ebenfalls vielfältigen Funde von Vögeln sind bedeutsam für die stammesgeschichtliche Entwicklung ihrer heutigen Verwandten. Beeindruckend war neben Ursträußen und Flamingos sicherlich der Diatrymas, ein Kranichvogel. Zwar war er flugunfähig, dafür aber fast zwei Meter groß.

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Von besonderer Bedeutung für die Paläogeographen sind die Funde von Ahnen südamerikanischer Strauße und Ameisenbären. Bis dato vermutete die Wissenschaft ihr Verbreitungsgebiet ausschließlich in Südamerika. Nun glaubt man, dass sie auch in Afrika und Europa gelebt haben, dort jedoch später ausgestorben sind.

Neben der Artenvielfalt ist es vor allem aber die Qualität der Funde, die Messel so bedeutsam macht. Bakterienrasen bilden Hautschatten, Haare und Federn nach und manchmal ist es den Paläontologen sogar möglich, die Mageninhalte der Fossilien zu untersuchen. So fand man im Magen des Urpferdchens Weintraubenkerne (ein tertiärer Weinkenner?) und kann nun Rückschlüsse auf seine Ernährung ziehen.

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Stand: 14.10.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Von Urpferden und Flugmäusen
Die Ausgrabungen in Messel und Stöffel

Ein Tag am Maar
Untergang eines Maarsees

... 25.600.000 Jahre später
Beim Spielen wiederentdeckt

Ortstermin Enspel `99
Eine paläontologische Ausgrabung

Der französische Verwandte
Den Nager von Enspel kannte man bereits - als Zahn

Blau bis in alle Ewigkeit
Rätsel um 26 Millionen Jahre altes Chitin

Weltnaturerbe contra Hausmüll
Die Grube Messel

Die hessischen Tropen
Messel - ein fast vollständig erhaltenes Ökosystem

Kalte Vulkane und schützendes Sediment
Warum sind die Fossilien von Stöffel und Messel so gut erhalten?

Von der Präparation ins Museum
Bedrohungen für Fossilien und Ausgrabungstellen

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