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Die große Seuche

Fatale Krebspest wütet bis heute

250 Millionen Jahre ging alles gut für die Flusskrebse, dann kamen der Mensch, Kolumbus‘ Fahrt über den großen Teich und kopflose Aquarienfreunde. Importierte amerikanische Kamberkrebse, die gegen die Seuche weitgehend immun sind, hatten die Krebspest schon um 1860 eingeschleppt. Bereits um 1900 waren viele Edelkrebs-Bestände in Mitteleuropa erloschen.

Ein ganzer Eimer voller Edelkrebse - heute sind sie in den Gewässern eine Rarität © Ronja Addams-Moring / CC-by-sa 3.0

Krebsimporte schleppten Erreger ein

Das Unheil nahm seinen weiteren Lauf, als in den 1960er Jahren Schweden allen Warnungen zum Trotz Signalkrebse von Nordamerikas Pazifikküste einführte und in viele Länder Europas verkaufte. Hatte Astrid Lindgrens Kinderbuchbengel „Michel aus Lönneberga“ in der um 1900 in Småland spielenden Geschichte noch im Mondschein mit dem Hofknecht eimerweise Edelkrebse gefangen, waren die bei Erscheinen des Buches 1963 in Schweden längst eine Rarität.

In den folgenden Jahrzehnten verschärfte sich das Problem, als Fischereiverbände die invasiven Arten hierzulande gezielt ansiedelten. Später begannen Aquarienfreunde, die ihrer Übersee-Kneifertiere überdrüssig waren, die Aliens in Seen, Flüssen und Bächen illegal auszusetzen. Verquere Tierschützer nennen es auch: „die Freiheit schenken“. Kommen heimische Flusskrebse mit dem für Menschen ungefährlichen Erreger in Kontakt, erkranken sie unweigerlich und sterben.

Die Seuche ist so infektiös, dass Experten den Haltern amerikanischer Krebse raten, Aquarienwasser nicht über die Kanalisation zu entsorgen, von wo es in Bäche geraten kann, sondern im Garten versickern zu lassen. Selbst in Gartenteichen haben die fortpflanzungsfreudigen US-Krebse nichts verloren – da sie sehr wanderlustig sind und die Epidemie in den nächsten Bach tragen können.

Er schleppte die Krebspest ein: der amerikanische Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) © US Fish and Wildlife Service

US-Krebse auf dem Vormarsch

Kaum eine andere Tierart Mitteleuropas ist heute so stark gefährdet durch nicht heimische Arten und deren eingeschleppte Krankheiten wie die Flusskrebse. In Deutschland und Nachbarländern sind sie heute die einzige dokumentierte Tiergruppe, die sich aus mehr exotischen als einheimischen Arten zusammensetzt.

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Drei eingeschleppte nordamerikanische Krebsarten, die selbst gegen die Krebspest weitgehend immun sind, machen sich in diesem Krieg der Krebse über die Gewässer der einheimischen Flusskrebse her. Roter Amerikanischer Sumpfkrebs, Kamberkrebs und Signalkrebs heißen die Invasoren, dazu gesellt sich der aus Osteuropa stammende Galizierkrebs. Der Kamberkrebs lebt heute in fast allen größeren Flüssen und Kanälen und ist längst Deutschlands häufigste Flusskrebsart.

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Kai Althoetmar
Stand: 02.10.2014

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Krieg der Krebse
Europas Flusskrebse kämpfen um ihr Überleben

Bedrohte Scherenträger
Europas Flusskrebse in Gefahr

Die große Seuche
Fatale Krebspest wütet bis heute

Schleichende Invasion
US-Krebse verdrängen die heimischen Arten

Nicht nur die Pest…
Auch Mensch und Klima gefährden die Krebse

Die Flusskrebs-Retter
Wie kann den europäischen Flusskrebsen geholfen werden?

Neue Chance
Werden die europäischen Flusskrebse überleben?

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