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Die falsche Wölfin

Wie neue Methoden unser Wissen verändern

Diese Nachricht erschütterte 2006 die Fachwelt – nicht nur in Italien: Die kapitolinische Wölfin, das berühmte Sinnbild der römischen Antike, das bislang als etruskischitalisch galt, wurde zweifelsfrei als ein Artefakt aus dem Mittelalter »entlarvt«. Dass die beiden Menschenkinder, die an den Zitzen der Wölfin trinken, nachträglich in der Renaissance hinzugefügt worden waren, war schon bekannt.

Die kapitolinische Wölfin - nur eine Kopie? © Capitoline Museums / gmeeinfrei

Kopie aus dem Mittelalter

Nun aber wurde durch Material- und Technikanalysen belegt, dass es sich bei der Wölfin um einen mittelalterlichen Guss des 12. / 13. Jahrhunderts handeln muss – um die Kopie eines wohl stark

beschädigten antiken Originals. Die mittelalterlichen Bronzegießer hatten diesem eine Negativform abgenommen, die beschädigten Stellen ergänzt und die Wölfin neu gegossen. Viele Archäologen und Kunsthistoriker taten sich schwer, den vermeintlichen Sturz der Ikone zu akzeptieren, war die Wölfin doch ein Symbol für das antike Rom und für die glanzvolle Vergangenheit Italiens.

„Die neuen, aufgrund von sorgfältigen herstellungstechnischen, restauratorischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen sowie der Interpretation einer mittelalterlichen Textquelle gewonnenen Erkenntnisse schlagen in der Objektbiografie dieses hoch bedeutenden Bildwerkes ein völlig neues Kapitel auf“, meint Hans-Markus von Kaenel, der sich seit Jahren mit römischen

Großbronzen befasst. Doch die „Lupa“ ist nur ein Beispiel dafür, wie neue Methoden zu völlig neuen Erkenntnissen in der Archäologie führen können.

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Heinrich Schliemann auf dem Löwentor von Mykene © Deutsches Archäologisches Institut Athen

Mehr als nur der Spaten

Ohne die Naturwissenschaften wäre die Archäologie heute nicht denkbar. In vielen Stadien ihrer Arbeit setzen Archäologen naturwissenschaftliche Methoden ein: Im Vorfeld von Ausgrabungen sind sie für die Planung unabdingbar, während der Ausgrabung begleiten sie die Arbeit ebenso wie bei der anschließenden Analyse und Einordnung von Fundstücken. Die „Wissenschaft vom Spaten“ – dieses Schlagwort prägte einst Heinrich Schliemann – hat inzwischen weit komplexere Instrumentarien zur Verfügung. Eigenes naturwissenschaftliches Wissen und eine gewisse Methodenpraxis sind für den Archäologen unerlässlich.

Dieser Entwicklung trägt das Institut für Archäologische Wissenschaften an der Goethe- Universität mit dem Angebot eines eigenen Nebenfachstudiengangs „Archäometrie“ besonders Rechnung; betreut wird er von der Mineralogin Sabine Klein. Bei ihr und anderen Frankfurter Mineralogen, aber auch physischen Geografen und Geophysikern lernen die Studierenden verschiedene Methoden zur Analyse anorganischen Materials, der Geländeprospektion und der Landschaftsarchäologie kennen. Außerdem beeinhaltet das Angebot unter anderem Archäobotanik und in Blockseminaren an der Universität Basel auch Archäozoologie und Anthropologie.

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Anke Sauter / Forschung Frankfurt
Stand: 08.05.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Vom Spaten zum Massenspektrometer
Methodenwandel und Erkenntnisgewinn in der Archäologie

Die falsche Wölfin
Wie neue Methoden unser Wissen verändern

Formen und Schichten
Archäologie früher

Die erste "Revolution"
Die Radiokohlenstoff-Methode

Die Zähne zeigen es
Woher stammt ein Mensch?

Scherben, Münzen und Bronzefragmente
Neue Analysemethoden werfen Licht auf historische Funde

Gewusst wie
Welche Methode ist angemessen?

Was Pflanzenreste verraten
Die Archäbotoanik macht die Vergangenheit lebendig

Geistes- oder Naturwissenschaft?
Die Debatte um die Einordnung der Archäologie

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