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Designerdrogen sind „in“

THG und der Balco-Skandal

Auch Baseballspieler stecken im Dopingsumpf © IMSI MasterClips

Auch US-Sportler nehmen Dopingmittel – diese Erkenntnis aus dem so genannten „Balco-Skandal“ aus dem Jahr 2003 sorgte in der amerikanischen Sportwelt für einen gehörigen Schock und weckte Öffentlichkeit und Medien jenseits des großen Teiches aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Trotz gelegentlich auftauchender Gerüchte waren in den USA bis dahin offenbar alle davon überzeugt, dass nur andere Nationen betrügen, während ihre eigenen Sportler „clean“ sind.

Wie kam der Skandal ins Rollen?

Bereits im Juni 2003 hatte ein anonym aufgetretener Trainer eine Spritze mit einer mysteriösen Flüssigkeit und einem Hinweis auf das Bay Area Laboratory Co-operative, kurz Balco, an das Dopinglabor Los Angeles geschickt. Ergebnis der dortigen Analyse: das anabole Steroid Tetrahydrogestrinon (THG). Dopingfahnder und Behördenvertreter, die kurze Zeit später die Balco-Räume durchsuchten, stießen auf zahlreiche Unterlagen und Hinweise für die umfangreiche Produktion und den Handel mit Dopingmitteln.

So sollen die Mitarbeiter von Balco unter Leitung von Victor Conte in ihrer Chemieküche neben Nahrungsergänzungsmitteln tatsächlich auch die muskelbildende Superdroge THG hergestellt haben. Und noch schlimmer: auf der Kundenliste von Balco standen reihenweise Topsportler vor allem aus den USA.

Die US-Profiligen Basketball und Eishockey stecken nach Presseberichten genauso tief im Dopingsumpf wie zahlreiche Leichtathletikstars. In US-amerikanischen Zeitungsberichten wurden teilweise sogar Vergleiche zum flächendeckendem Doping in der ehemaligen DDR oder in China gezogen.

Königinnen der Leichtathletik im Zwielicht

Dopinggerüchte rankten sich beispielsweise um die mittlerweile offiziell disqualifizierte Sprint-Doppelweltmeisterin von 2003, Kelli White, oder die 400-Meter-Läufer Alvin und Calvin Harrison. Kelli White, die Freundin des deutschen Weltklassespeerwerfers Boris Henry, gab schließlich nach langem Leugnen zu, neben dem stimulierenden Mittel Modafinil, das man in ihren Urinproben entdeckt hatte, auch Erythropoietin und anabole Steroide von Balco bekommen und eingenommen zu haben. Sie wurde daraufhin für zwei Jahre gesperrt.

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Aber auch die lange Zeit amtierende Königin der Leichtathletik, die dreifache Olympiasiegerin von Sydney, Marion Jones, und ihr Freund, der 100-m-Weltrekordler Tim Montgomery, stehen seitdem unter Dopingverdacht. Jones wurde im Juli 2004 sogar von ihrem früheren Ehemann C.J. Hunter – selber mehrfach als Dopingtäter entlarvt – massiv belastet.

Wie amerikanische Zeitungen berichteten, soll Jones nach Aussage von Hunter Wachstumshormone, Epo und auch die Designerdroge THG konsumiert und so ihren Körper auf Höchstleistung getrimmt haben. Die Sprinterin bestreitet bislang alle Gerüchte vehement und fordert sogar eine öffentliche Rehabilitation durch die nationale Antidoping-Agentur der USA (USADA). Schließlich sei sie mindestens „160-mal negativ getestet worden“. Immerhin musste sie nach monatelangem Schweigen zugeben, Kontakt zu Balco gehabt und von dort auch das allerdings erlaubte Nahrungsergänzungsmittel Zink-Magnesium-Aspartat bezogen zu haben.

Gefährliches THG?

Was Presse, Dopingfahnder und Sportfunktionäre in Alarm versetzte war, dass die Balco-Chemiker erstmals ein bekanntes Steroid, das Gestrinon, mithilfe von eingeschleusten Wasserstoffatomen leicht manipuliert hatten. Damit wurde das Anabolikum bei den gängigen Dopingtests nicht entdeckt. Zudem blieben mögliche Gefahren für die THG-konsumierenden Sportler unbekannt, da das Mittel ungetestet an die Sportler weitergegeben worden war.

Nachdem die Doping-Experten einmal wussten, wonach sie suchen mussten, hatten sie schnell einen Test parat, der eine THG-Einnahme noch drei bis sieben Tage später nachweisen konnte. Im Laufe der nächsten Wochen wurden daraufhin Tausende von bereits analysierten Dopingproben noch einmal auf THG untersucht. Meist mit negativem Befund. Ob die im Rahmen der Balco-Affäre ertappten Sportler wie die Leichtathleten Dwain Chambers und Torri Edwards tatsächlich nur die „Spitze eines Eisbergs“ sind – wie Thomas Bach, der deutsche Vizepräsident des IOC im Oktober 2003 vermutete – oder ob „die Anwendung von THG entgegen den Befürchtungen doch auf einen konspirativen Kreis von US-Sportlern beschränkt geblieben ist“ wie Professor Klaus Müller, der Leiter des Dopinglabors Kreischa meint, ist heute noch immer unklar.

Viel mehr als Chemiegrundkenntnisse und ein bisschen gute Literatur benötigt man jedenfalls nach Angaben von Wissenschaftlern nicht, um existierende Steroide zu verändern und zu Designerdrogen umzufunktionieren.

Die Doping-Experten rätseln nun, wie viele solcher illegalen muskelbildenden Mittel heute bereits unter den Sportlern in Umlauf sind, ohne dass sie mit den existierenden Test nachgewiesen werden können.

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Stand: 20.08.2004

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Doping
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