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Der Unfall

Der GAU ist nicht zu stoppen

26. April 1986, 01:23 Uhr nachts. Im Kontrollzentrum des Reaktorblocks 4 von Tschernobyl bricht plötzlich Hektik aus. Erst jetzt wird dem Schichtleiter klar, was sich in seinem Reaktor zusammenbraut. Der so sorgsam geplante Sicherheitstest ist komplett aus dem Ruder gelaufen und der Reaktor ist überhitzt. Er löst die Schnellabschaltung aus – zu spät.

Dieses Schema zeigt, dass 1,30 Minuten vor der Explosion fast alle Steuerstäbe herausgezogen waren. © ChNPP/ gemeinfrei

Zwei Explosionen und ein Feuer

Bevor die Steuerstäbe die Kettenreaktionen stoppen können, löst die Überhitzung zwei schnell aufeinanderfolgende Explosionen aus. Ihre Wucht hebt die rund 3.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors in die Höhe, zerstört das Dach des Gebäudes und schleudert mehrere Tonnen radioaktiven Kernbrennstoffs vermischt mit verseuchten Trümmern in die Umgebung.

Doch es ist noch nicht vorbei: Die Hitze entzündet nun das Graphit und der gesamte Reaktorblock beginnt zu brennen. Der uranhaltige Kernbrennstoff schmilzt und bildet eine glühende radioaktive Lava am Grund des Reaktors – die Kernschmelze ist eingetreten. Der Aufstrom heißer Luft aus dem Reaktor reißt radioaktive Partikel bis zu 2.000 Meter weit in die Höhe. Zehn Tage lang strömen dadurch Cäsium-137, Jod-131, Strontium-90 und 23 weitere Radionuklide nahezu ungehindert in die Atmosphäre.

Verzweifelter Kampf

Verzweifelt versuchen unterdessen Kraftwerksarbeiter und Militär den Brand zu löschen und den Reaktor unter Kontrolle zu bringen. Mit Hubschraubern werden knapp 3.000 Tonnen Sand, Lehm und Dolomit abgeworfen, um das Feuer zu ersticken. Mit knapp 2.500 Tonnen Blei und Borkarbid hofft man, die Kettenreaktion zu stoppen und die freiwerdende Gammastrahlung abzublocken.

Die Evakuierung im unmittelbaren Umfeld des Atomkraftwerks beginnt am 27. April. Doch der Großteil der Bewohner naher Städte wird erst Anfang Mai evakuiert. © Dmytro Chapman / CC-by-sa 4.0

Doch vergeblich: Durch diese Abdeckung wird das Feuer nur noch heißer, die Hitze erreicht 2.000 Grad und lässt die im Kernbrennstoff enthaltenen Radionuklide nun erst recht verdampfen. Nun versucht man, den Reaktor durch Einleiten von Stickstoff zu kühlen, gleichzeitig wird das unter dem Reaktorblock liegende Wasserreservoir geleert – aus Angst, es könnte zu einer Wasserdampf- oder Wasserstoff-Explosion kommen.

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Tonnenweise radioaktiver Fallout

Erst am 6. Mai wendet sich die Lage – nach Einschätzungen von Experten allerdings weniger wegen der Maßnahmen, als vielmehr durch den natürlichen Lauf der Dinge. Das Graphitfeuer ist weitgehend erloschen, die radioaktive Lava am Grund des Reaktors beginnt nun zu erstarren. Inzwischen sind Bewohner in der Umgebung des Atomkraftwerks in einem Umkreis von rund 30 Kilometern evakuiert – bei vielen von ihnen passiert dies aber erst mehrere Tage nach dem Unfall.

Doch die Bilanz ist fatal: Mindestens fünf Prozent der rund 190 Tonnen Kernbrennstoff sind als Gas und Staub in die Atmosphäre gelangt. Insgesamt wird nach Schätzungen von Experten eine radioaktive Fracht von 5.300 Petabecquerel freigesetzt – das entspricht gut fünf Trillionen Becquerel. Bei Cäsium-137 und Iod-131 ist es die zehnfache Menge des Atomunfalls von Fukushima im März 2011.

Ausbreitung der radioaktiven Wolke von Tschernobyl am 28. April und 2. Mai 1986. © INRS

Halb Europa kontaminiert

Der vorherrschende Südostwind bläst den radioaktiven Fallout zunächst nach Nordwesten in Richtung Skandinavien, dann wechselt die Windrichtung und eine weitere Wolke erreicht erst Mitteleuropa, dann den Balkan. Insgesamt werden 40 Prozent Europas allein durch Cäsium-137 mit mehr als 4.000 Becquerel pro Quadratmeter kontaminiert. In Süddeutschland erreichen die Werte stellenweise bis zu 75.000 Becquerel pro Quadratmeter.

Die International Atomic Energy Agency (IAEA) stuft das Atomunglück von Tschernobyl als ersten Atomunfall überhaupt in die höchste Kategorie der INSES-Bewertungsskala ein – als Stufe sieben und damit katastrophalen Unfall. Damit ist dieses Ereignis offiziell die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte. Auch das Atomunglück in Fukushima im März 2011 kommt – obwohl ebenfalls als INES 7 eingestuft – an das von Tschernobyl verursachte Ausmaß der Verseuchung und der Folgen nicht heran.

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Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

30 Jahre Tschernobyl
Der größte Atomunfall der Geschichte, eine Ruine und die Folgen

Die Vorgeschichte
Eine Katastrophe bahnt sich an

Der Unfall
Der GAU ist nicht zu stoppen

Tödliche Terra inkognita
Uranlava, ein löchriger Sarkophag und viel Staub

Hochradioaktive Brühe
Die Tschernobyl-Ruine hat ein Wasserproblem

Koloss auf Schienen
Eine neue Schutzhülle für den Reaktor

In der "verbotenen Zone"
Gefahrenzone, Refugium und Forscherparadies in einem

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