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Der Metaphern-Streit

Wie legitim sind Begriffe aus dem Tierreich?

Den Kritikern der Pflanzenneurobiologen geht es auch um die Außenwirkung. Sie fürchten ins Fahrwasser von unwissenschaftlicher Esoterik und New Age zu geraten. Der GAU wäre für Thiel: „Stellen sie sich vor, auf dem Titel der BILD-Zeitung stände eines morgens: „Pflanzen haben ein Gehirn.“ Das bringe ein ganzes Fach in Misskredit, weil einige wenige leichtfertig mit Begriffen spielen.

Parallelen nur auf molekularer Ebene?

Es gebe zwischen Tier- und Pflanzenreich zwar Gemeinsamkeiten auf molekularem Level und es gebe auch Hinweise auf Substanzen, die wie Neurotransmitter wirkten. Auch werde in beiden Welten Signale über größere Distanzen gesendet und empfangen: „Aber es gibt bei Pflanzen doch keine vergleichbaren Strukturen auf der Ebene der Zellen, der Gewebe oder Organe“, schreiben die Kritiker in ihrem Brief.

Schon das Konzept der „pflanzlichen Synapse“ müsse erst einmal noch bestätigt werden, mahnt Tiehl an. „Unser Nichtwissen über die Mechanismen pflanzlicher Reaktionen werden nicht klarer, sondern durch Begrifflichkeiten aus der Neurobiologie nur kaschiert. Es wird alles nur schwammiger“, sagt Gerhard Thiel.

Sonnenblumen senden elektrochemische Signale, vergleichbar Aktionspotenzialen, über Strecken von 30 Zentimetern © SXC

Umstrittene Metaphern

Die Kritiker sollten weniger dogmatisch sein, antworten die Angegriffenen. „Der Begriff Plant Neurobiology ist eine Metapher“, sagt etwa Anthony Trevawas. Metaphern könnten sehr nützlich sein, weil sie neue Denkansätze ermöglichen, findet auch Dieter Volkmann. „Das mag zu Anfang schwammig sein, auch Kontroversen schaffen, aber der entscheidende Punkt ist doch, dass man auf eine neuer Art und Weise darüber nachdenkt.“ Wenn das nicht mehr möglich sei, hätten Ignoranz und Dogmatismus wie schon so oft in der Botanik gesiegt.

Doch für David Robinson gehen die Neurobiologen zu weit: „Mit Metaphern zu neuem Denken anzuregen ist eine Sache, aber das ist ja wohl kaum eine überzeugender Grund, eine internationale Gesellschaf danach zu benennen.“ Dann könnte man ja auch gleich eine „Gesellschaft der Pflanzenlunge“ gründen, ärgert er sich.

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Die Fronten zwischen den beiden Lagern haben sich verhärtet, gegenseitigen Einladungen für Diskussionen folgten jeweils Absagen. Im Reich der pflanzlichen Signalforscher herrscht derzeit Funkstille.

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Stand: 18.07.2008

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Pflanzen mit Gefühl
Streit um die Neurobiologie von Sonnenblume, Salat und Co.

Wurzelspitzen als Nervenzellen?
Wie Pflanzen ihre Umwelt wahrnehmen

Unkraut in neuem Licht
Überraschende Fähigkeiten im Pflanzenreich

Der botanische Fehdehandschuh
Die etablierte Forschung schlägt zurück

Der Metaphern-Streit
Wie legitim sind Begriffe aus dem Tierreich?

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