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Altruismus mit Hintergedanken

Der Lohn des guten Rufs

Für Biologen, die davon ausgehen, dass sich letztlich alles für das Individuum auszahlen muss, war die ausgeprägte Form der Kooperation beim Menschen lange Zeit schwer zu erklären. Dass im Kern eigensinnige Wesen, die von egoistischen Genen getrieben sind, kooperieren, erklären Soziobiologen in den meisten Fällen mit Verwandtenselektion und Gegenseitigkeit. So helfen wir unseren Verwandten, weil sie einen Teil unserer Gene in sich tragen, ein Mechanismus, der auch im Tierreich weit verbreitet ist. Er erklärt, wie es Ameisen, Bienen und Hummeln schaffen, in riesigen Staaten zusammenzuleben.

Im Zuge der Gegenseitigkeit helfen wir demjenigen, der uns auch schon mal geholfen hat, getreu der alten Regel: „Eine Hand wäscht die andere.“ Das funktioniert aber nur, wenn sich die Beteiligten immer mal wieder treffen, etwas, was für den Freundes- und Bekanntenkreis typisch ist, aber auch für die ursprünglichen kleinen Jäger- und Sammlergemeinschaften, in denen Menschen einst lebten. Doch über dieses Stadium ist die Menschheit lange hinaus.

Wie lässt sich Kooperation erklären, wenn Mechanismen wie Verwandtenselektion und direkte Gegenseitigkeit nicht greifen? „Durch den Mechanismus der indirekten Reziprozität“, sagt Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Reputation, also Ansehen, fördert die Zusammenarbeit: Menschen helfen nicht nur dem, der ihnen geholfen hat, sie unterstützen in der Regel auch bereitwillig jemanden, der anderen geholfen hat. „Wir erwerben uns die Unterstützung anderer durch unseren guten Ruf“, sagt der Biologe.

Ein religiöses Ideal ganz irdisch

In seinem 1987 erschienenen Buch The Biology of Moral Systems vermutete der Insektenforscher und Evolutionsbiologe Richard Alexander, dass Moralsysteme des Menschen auf der, wie er es nennt, indirekten Reziprozität basieren, getreu dem Satz im Matthäus-Evangelium: „Wer gibt, dem wird gegeben werden…“. So plausibel dieser Vorschlag war, unter Evolutionsbiologen war dennoch lange umstritten, dass durch diesen Mechanismus tatsächlich Kooperation entstanden sein soll.

„Das klang zwar gut, aber keiner wollte glauben, dass das auf der Erde funktioniert“, sagt Manfred Milinski, „vielleicht im Himmel.“ Doch der israelische Verhaltensbiologe Amoz Zahavi hatte zuvor schon einen Gedanken ins Spiel gebracht, der das religiöse Ideal auf die Erde zurückholte. Die Erfahrung zeige doch, so Zahavi, dass Hilfsbereitschaft selten im stillen Kämmerlein stattfindet: „Wenn sich jemand altruistisch verhält, dann tut er das, weil andere ihm dabei zuschauen. Denn das steigert dann sein Ansehen und davon kann er profitieren“, sagt Milinski. Auch das klingt plausibel, indes, es fehlte der wissenschaftliche Nachweis.

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Marcus Anhäuser / MaxPlanckForschung
Stand: 06.06.2008

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Egoismus schafft Gemeinsinn
Auf der Suche nach den Triebkräften der Kooperation

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Der Lohn des guten Rufs
Altruismus mit Hintergedanken

Kooperation unter Egoisten
Spielen für die Wissenschaft

Die Tragik des Gemeinguts
Woran Klimaschutz und Co. immer wieder scheitern

Das Problem der Anonymität
Unbekannt sündigt es sich leichter

Wie sinnvoll sind Strafen?
Kooperations-Anreize im Test

Gut nur unter Beobachtung?
Ein aufschlussreicher Augentrick

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