Der Kara-Bogaz-Gol - scinexx | Das Wissensmagazin
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Der Kara-Bogaz-Gol

...das vielleicht salzigste Gewässer der Erde

Gut 51° nördlicher Breite und 53° östlicher Länge – hier befindet sich der KBG. Wer allerdings eine Buchstabendrehung vermutet und an dieser Stelle das Hauptquartier des russischen Geheimdienstes in Turkmenistan erwartet, hat sich getäuscht. KBG steht für Kara-Bogaz-Gol, eine riesige Lagune des Kaspischen Meeres mit nur wenigen Metern Wassertiefe.

Kara Bogaz Gol © NASA/JSC

Diese flache Salzpfanne ist über einen schmalen Kanal direkt mit dem Kaspischen Meer verbunden und liegt noch zwei bis drei Meter tiefer als das gewaltige Binnenmeer. Ständig fließt Wasser aus dem Kaspischen Meer in die Lagune und verdunstet dort in der glühenden Sonne. Die Wassermassen des Kara-Bogaz-Gol haben deshalb einen viel höheren Salzgehalt als das Kaspische Meer. Bis zu 350 Promille wurden hier bereits gemessen. Der Kara-Bogaz-Gol zählt damit zu den salzigsten Gewässern der Welt.

Kein Wunder, das das Salz in diesem natürlichen Verdunstungsbecken schon seit fast 100 Jahren kommerziell genutzt wird. Am Anfang sammelten die Bewohner der Region das ausfallende Salz noch per Hand von den Stränden und Küsten – vor allem im Süden des Golfes. Mithilfe von Pferden und Rindern, die große Frachtkähne zogen, transportierte man es dann an seinen endgültigen Bestimmungsort. Zentrum des Handels war die neue Hafenstadt des Kara-Bogaz-Gol, die in unmittelbarer Nähe des Verbindungskanals entstand und innerhalb kürzester Zeit mehr als 7.000 Einwohner zählte.

In den 1930er Jahren war dann endgültig Schluss mit der Handarbeit und die Salzindustrie verlagerte ihren Schwerpunkt zum heutigen Standort in der Nähe von Bekdash, einem Ort mit ungefähr 10.000 Einwohnern an den Ufern des Kaspischen Meeres. Damals bauten die Arbeiter der Salzindustrie Kanäle, mit deren Hilfe sie Wasser aus dem KGB in gewaltige Verdunstungsbecken leiteten. Im Sommer wurden diese Salzpfannen gefüllt. Bis zum Winter verdunstete dann das Wasser mehr oder weniger vollständig und die zurückgebliebenen Salze konnten problemlos „geerntet“ und verarbeitet werden.

Später, in den 1950er Jahren, hatte die Salzindustrie dann noch einen lukrativeren Weg der Salzproduktion gefunden. Mit gewaltigen Pumpen beförderte man dafür Grundwasser aus Regionen tief unter dem See in die Verdunstungsbecken. Dieses Grundwasser enthielt hohe Anteile an wertvollen Salzen und brachte der aufblühenden Industrie Rekordumsätze. 1963 begann dann in Bekdash der Bau einer modernen Salzgewinnungsanlage, die 1973 fertiggestellt wurde. Seitdem läuft dort die Produktion das ganze Jahr über und unabhängig von der natürlichen Verdunstung.

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Mitgefangen – mitgehangen

KBG 1972 © USGS

Da der KBG über den schmalen Kanal zum Kaspischen Meer mit Wasser versorgt wird, wirken sich Veränderungen im Meeresspiegel des Kaspi nicht nur dort aus sondern auch in der flachen Lagune. Hier sind die Auswirkungen aufgrund der geringen Tiefe vielleicht sogar noch schlimmer als im bis zu 1.000 Meter tiefen Binnenmeer selbst. Und auch der Mensch hat zwischenzeitlich in das natürliche Wassergleichgewicht zwischen dem Kaspischen Meer und dem KBG eingegriffen. Aus Angst vor dem Austrocknen des Kaspischen Meeres sperrten die Russen 1980 den Abfluss in den KBG mit einem Damm.

25 Jahre lang – so hofften die Russen anfangs – würde das Restwasser des KBG mindestens reichen, um die Salzindustrie am Laufen zu halten. Doch schon bald spielte die Natur den Planern einen Streich. Bereits drei Jahre nach der Sperrung des Kanals war der KBG beinahe vollständig ausgetrocknet. Gewaltige Salzstürme zogen in der Folge über die Region. Ein brisantes Gemisch aus Salz und Staub lagerte sich danach auf den Feldern im Umkreis von vielen Hundert Kilometern ab und bedrohte Mensch und Natur. Guter Rat war teuer. Schließlich mussten Bauarbeitertrupps eine 1,5 Meter dicke Betonröhre in den Damm schlagen, damit wieder Wasser aus dem Kaspischen Meer in den KBG fließen konnte.

Doch dieses Wassermenge reichte nicht aus, um den KBG wieder zum Leben zu erwecken. Immer weiter sank der Wasserspiegel ab, bis schließlich der Präsident des neugebildeten Staates Turkmenistan im Frühjahr 1992 die Zerstörung des Dammes in die Wege leitete. Heute fliessen die Wassermassen wieder ungehindert durch die Verbindungsstraße zwischen dem Kaspischen Meer und dem KBG.

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Stand: 07.11.2001

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Kaspisches Meer
El Dorado für Rohstoffe oder Krisenregion?

Halb See, halb Ozean
Das Kaspische Meer

Der Kara-Bogaz-Gol
...das vielleicht salzigste Gewässer der Erde

Was hilft gegen Kamelräude?
Der erste Ölrausch

Traum vom Schlaraffenland
Der zweite Ölrausch

Rohstoffe im Überfluss
Vom Reichtum einer armen Region

Streit um das Erbe der Sowjetunion
Das Kaspische Meer und seine Anrainer

Krisenregion Kaspisches Meer?
Zwischen den Mühlsteinen der Politik

Peanuts oder El Dorado?
Rohstoffvorkommen in der Kaspi-Region

Pipelines, Pipelines, Pipelines
Wie kommt das Öl ans Meer?

Wimmelndes Leben inmitten der Wüste
Naturparadies Kaspisches Meer?

Schwimmende Delikatesse
Das Kaspische Meer und die Störe

Schwarze Pest
Umweltprobleme am größten Binnensee der Welt

Nicht nur das Meer hat's schwer...
Das giftige Erbe der Industrialisierung

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