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Der Ekel-Faktor

Warum scheuen sich viele vor dem Insekten-Genuss?

Viele Menschen hierzulande ekeln sich ohnehin schon vor Insekten. Kein Wunder, dass der Gedanke, dieses „Ungeziefer“ auch noch zu essen, sie erst recht mit Abscheu erfüllt. Das ändert allerdings nichts daran, dass auch wir im Durchschnitt 500 Gramm Insektenteile pro Jahr zu uns nehmen – ohne dass wir es merken oder ahnen. Denn in vielen Lebensmitteln wie Brot, Kaffee, Müsli und selbst Schokolade sind immer auch kleine Reste von Vorratsschädlingen oder pflanzenfressenden Insekten enthalten.

Rohe Austern gelten bei uns als Delkatesse - das ist eigentlich viel ekliger als gegrillte Insekten. © Chris 73 / Wikimedia CC-by-sa 3.0

Austern ja, Heuschrecken nein?

Andererseits schlürfen wir Europäer rohe Austern mit Genuss, essen verschiedenste Krebstiere und sogar Schnecken stehen beispielsweise in Frankreich ganz selbstverständlich auf dem Speiseplan. Diese Delikatessen würden wiederum in anderen Gegenden der Erde puren Ekel hervorrufen. Ganz offensichtlich ist der Abscheu vor der Insektenkost eher kulturell geprägt – und er kann sich im Laufe der Zeit durchaus wandeln.

Vor nicht einmal 2.000 Jahren war auch in Europa das Essen von Insekten durchaus üblich. So fanden sich im antiken Griechenland und Rom gleich mehrere Arten auf dem Speiseplan. Der antike Dichter Aristophanes bezeichnet Heuschrecken als „vierflügeliges Geflügel“, Aristoteles empfahl vor allem die weiblichen Zikaden, weil sie nach der Befruchtung besonders schmackhaft seien. Laut Plinius waren auf Mehl und Wein gezüchtete Käferlarven beim römischen Adel eine beliebte Delikatesse.

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Nur ein Not-Essen?

Nach dem Untergang des Römischen Reichs wurden Insekten überall in Europa pauschal als ungenießbar abgelehnt. Jahrhundertelang griffen die Menschen bei uns nur dann auf die sechsbeinige Nahrung zurück, wenn die schiere Not sie dazu trieb. Noch 1844 beispielsweise war die Maikäfersuppe in der ärmeren Bevölkerung durchaus beliebt. Das geschmacklich an Krebssuppe erinnernde Gericht galt als „vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“.

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Aus der Erfahrung dieser Zeiten heraus hält sich in westlichen Ländern bis heute hartnäckig das Vorurteil, Insekten würden auch anderswo nur deshalb gegessen, weil es nichts anderes gibt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn auf allen anderen Kontinenten finden sich auch in wohlhabenden Ländern und Regionen Insekten auf dem Speiseplan, sei es als kleiner Snack, als Delikatesse oder gar als Grundnahrungsmittel.

Insekten-Angebot auf einem Markt in Thailand © FAO

So sind beispielsweise die eher teuren Insektensnacks in der kulinarischen Glitzermetropole Bangkok momentan voll im Trend. Und auf vielen Märkten Südostasiens findet sich sogar eine reiche Auswahl verschiedener Insekten für den Verzehr – von saftigen Larven über Puppen bis hin zu ausgewachsenen Wanzen, Heuschrecken oder Ameisen. Mit unseren Vorbehalten oder gar dem Abscheu davor, Insekten zu essen, stehen wir in Europa und Nordamerika daher ziemlich allein da.

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Nadja Podbregar / eHotel
Stand: 26.06.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Insekten auf dem Speiseplan
Warum die sechsbeinige Kost eine echte Alternative sein kann

Der Ekel-Faktor
Warum scheuen sich viele vor dem Insekten-Genuss?

Alternative zu Rind und Co?
Warum sollen wir Insekten essen?

Sechsbeinige Fitmacher
Wie gesund ist die Insektenkost?

Himmelskrebse und Wanzensauce
Wo isst man welche Insekten?

Versteckte Fleischbeilage
Wie könnte man uns Insektenkost schmackhaft machen?

Einmal den Dschungelteller, bitte?
Interview mit dem Lebensmittel-Experten Guido Ritter

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