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Ist der berühmte Stadtplan von Çatalhöyük die älteste Karte der Welt?

Das Rätsel der Steinzeit-Karte

1963 machte der britische Archäologe James Mellaart in Çatalhöyük eine überraschenden Fund: In einem der von ihm freigelegten Gebäude stieß er auf eine Wandmalerei, deren Bedeutung sich erst auf den zweiten Blick zu erschließen schien.

Mellarts Original-Fotografie der 1963 in Çatalhöyük entdeckten Wandmalerei © Meece / Mellaart

Das mit roten Pigment erstellte Gemälde bedeckte die unteren Bereiche zweier, weiß gekalkter Innenwände. Der untere Teil, einer Art geometrisches Muster aus eckigen Formen, erstreckte sich über drei Meter Breite. Darüber schloss sich ein rund einen Meter breites und 30 Zentimeter hohes Gebilde an, das aus einer gepunkteten Fläche bestand, die oben in zwei kegelförmige Auswüchse mündete, von dessen einer Spitze Linien und Punkte ausgingen.

Leopardenfell – oder doch eine Karte?

Mellaart hielt dieses Bild wegen der gepunkteten Fläche zunächst für eine Darstellung eines Leopardenfells. Doch je länger er über den Inhalt der Malerei nachsann, desto mehr neigte er zu einer ganz anderen, weitaus aufsehenerregenderen Erklärung: Was wäre, wenn es sich nicht um eine Tierdarstellung, sondern um eine Karte handelte? Das rechteckige Muster im unteren Bereich könnte, so mutmaßte der Archäologe, die Anordnung der Gebäude in Çatalhöyük zeigen. Das kegelförmige Etwas aber identifizierte er als Darstellung eines ausbrechenden Vulkans.

Mellaarts Nachzeichnung der Karte: Oben der VUlkan und unten der Stadtplan von Çatalhöyük - so jedenfalls seine Interpretation. © Meece / Mellaart

Als Mellaart diese neue Lesart der Wandmalerei 1967 publizierte, war das Aufsehen groß. Denn stimmte seine Interpretation, handelte sich bei diesem Bild um nichts weniger als die älteste Karte der Welt. Denn andere, eindeutig kartografische Darstellungen finden sich erst wieder in Uruk und anderen Städten Mesopotamiens – doch sie sind fast 4.000 Jahre jünger als die Karte von Çatalhöyük.

Feuerberg mit zwei Gipfeln

Forscher aus aller Welt stürzten sich nun auf die Motive des steinzeitliche Wandgemäldes und versuchten nun ihrerseits, Indizien für oder wider diese Theorie zu finden. Nach und nach aber kamen die meisten zu dem Schluss, dass Mellaart Recht haben müsse. In sämtlichen Standardwerken der Kartografie wird seither die Wandkarte von Çatalhöyük als der größte Fund in der Kartografie-Geschichte und als älteste Karte der Welt aufgeführt.

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Untermauert wurde dies durch die Ergebnisse von Vulkanologen. Sie hatten nach Feuerbergen in Anatolien gesucht, auf die die zweigipfelige Darstellung passen könnte – und wurden tatsächlich fündig: Der Hasan Dagi, ein 3.268 Meter hoher, heute inaktiver Vulkan ist nicht nur der zweithöchste Berg Anatoliens und weithin sichtbar – er besitzt auch zwei durch einen Sattel verbundene Gipfel. Die Karte von Çatalhöyük könnte eines der ältesten Zeugnisse von Eruptionen dieses Feuerbergs sein, die umfangreiche Tuffstein Ablagerungen in der Region hinterließen.

Leoparden-Malerei mit Kopf und Beinen als Relief aus Çatalhöyük. Leoparden waren ein häufiges Motiv der Bewohner. © Stipich Béla / CC-by-sa 3.0

Zweifel an der Karten-Lesart

Allerdings: Nicht alle Forscher schließen sich dieser Lesart des Wandgemäldes an. Die britische Archäologin Stephanie Meece von der University of Cambridge beispielsweise hält Mellaarts ursprünglichen Eindruck für den richtigen: „Es handelt sich nicht um eine Karte, sondern stellt ein Leopardenfell im oberen Teil und die für diesen Ort typischen geometrischen Muster im unteren Teil dar“, schreibt sie in einem Artikel.

Als Argumente für diese Lesart führt sie die zahlreichen ähnlichen Darstellungen in andern Gebäuden Çatalhöyüks auf, die eindeutig entweder einen Leoparden oder ein geometrisches Muster zeigen. Ihrer Ansicht nach hatten die Muster möglicherweise eine rituelle Bedeutung und wurden daher so oft wiederholt. „Wenn man das Gemälde im Kontext der restlichen Malerei und der Kunstobjekte von diesem Ort betrachtet, erscheint diese Erklärung weitaus vernünftiger und naheliegender“, konstatiert Meece. Wer in dieser Frage Recht hat, lässt sich allerdings kaum beweisen. Die einzigen, die dies eindeutig beantworten könnten, sind seit fast 8.000 Jahren tot.

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Nadja Podbregar
Stand: 15.11.2013

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