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Das Rätsel der Glyphen

Hatten die Teotihuacanos eine Schrift?

So eindrucksvoll Teotihuacan bis heute ist, so rätselhaft ist das Volk, das diese Metropole und Kultur begründete. Trotz der vielen Ruinen, der tausenden von Figuren, Alltagsobjekte und mit prachtvollen Wandgemälden geschmückten Mauern, wissen wir über diese Kultur noch immer weit weniger als beispielsweise über die Maya oder Inka.

Wandgemälde
In Teotihuacan gibt es einige mit symbolhaften Motiven verzierte Wandmalereien, aber eindeutige Schriftzeichen scheinen zu fehlen. © diegograndi / Getty images

Bloße Bildsymbole oder echte Hieroglyphen?

Der Grund: Uns fehlt ein entscheidender Schlüssel zu dieser geheimnisvollen Kultur – ihre Schrift. Während die zur gleichen Zeit weiter im Süden lebenden Maya unzählige Stelen und Wandreliefs mit ihren Hieroglyphen bedeckten, fehlen solche Schriftzeugnisse in Teotihuacan fast ganz. Zwar kommen in einigen Wandgemälden und Reliefs vereinzelte Symbole vor. Wegen ihrer oft figürlichen Darstellungen und der Tatsache, dass diese Zeichen meist nur einzeln auftauchen, wurden sie bisher aber oft als rein künstlerische Elemente eingestuft.

Teotihuacan galt daher lange als schriftlose Kultur. Doch in den letzten Jahren regt sich Widerspruch gegen diese Sicht. „Ich denke, dass die Teotihuacanos sehr wohl echte Hieroglyphen nutzten“, ist beispielsweise Tatiana Valdez vom Colegio de Morelos in Mexiko überzeugt. Als Indiz dafür sieht sie unter anderem einen erst kürzlich gemachten Fund am Boden eines Innenhofs: Dort sind 42 Glyphen in mehreren Reihen untereinander angeordnet. Sie stellen den längsten „Text“ dar, der je in Teotihuacan gefunden wurde. Insgesamt sind damit bisher rund 300 Glyphen aus der Stadt bekannt, zudem gibt es weitere Symbole, die sich auf Keramiken und den Stirnbändern von Tonfiguren finden.

Parallelen zur Maya-Schrift

Christophe Helmke von der Universität Kopenhagen geht ebenfalls davon aus, dass die Teotihuacanos eine echte Schrift besaßen. Da sie enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu umliegenden Kulturen Mittelamerikas unterhielten – darunter auch den schreibkundigen Maya – liege es nahe, dass auch sie über zumindest rudimentäre schriftliche Kommunikationsmittel verfügten.

Hinzu kommt, dass die Glyphen von Teotihuacan viele Gestaltungsmerkmale zeigen, die sich auch in anderen Hieroglyphen-Schriften Mittelamerikas finden. „Eines der am weitesten verbreiteten grafischen Prinzipien in Mittelamerika ist Pars pro Toto“, erklärt Helmke. „Dabei wird eine größere Einheit oder ein Objekt durch sein typischstes Merkmal repräsentiert.“ Dies finde sich auch in Teotihuacan. So wird beispielsweise ein Hirsch durch ein stilisiertes Geweih dargestellt, die Federschlange durch ein federumringtes Auge oder Schmuck durch eine Perle.

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Ebenfalls typisch für mesoamerikanische Hieroglyphen ist nach Helmkes Angaben die Darstellung desselben Objekts oder Tieres in verschiedenen Stufen der Abstraktion – von einer sehr bildlichen Zeichnung mit allen Details bis zu einem fast abstrakten Symbol. Die Nutzung von Punkten und Linien unter oder neben den Glyphen ist zudem für viele Maya-Texte charakteristisch, findet sich aber auch in Teotihuacan.

Glyphen
Sind diese Relief-Symbole nur Kunst oder vielleicht doch Hieroglyphen? © LBM1948/ CC-by-sa 3.0

Bücher statt in Stein gemeißelte Reliefs?

Warum aber sind dann in Teotihuacan nur so wenige Glyphen erhalten – und so gut wie keine längeren Texte? Helmke vermutet, dass die wenigen erhaltenen Teotihuacan-Glyphen nur die Spitze eines Eisbergs sind. „Die Kürze der Texte ist für sich genommen noch kein Widerspruch mit einem phonetischen Schriftsystem“, erklärt er. Selbst in unserer heutigen Welt gebe es genügend Beispiele für solche Kurzbotschaften – von Werbeplakaten mit nur einem Wort über Hinweisschilder bis zu bloßen Datumsangaben.

Der Forscher geht davon aus, dass die Teotihuacanos ähnlich wie die Maya und andere präkolumbische Kulturen einen Großteil ihrer schriftlichen Zeugnisse als buchartige Codices auf Tierhäuten oder Baumrinde niedergeschrieben haben. Weil diese Materialien aber vergänglich sind, blieben die Texte nicht erhalten. Als Hinweis auf solche „Bücher“ sieht der Archäologe unter anderem eine Wandmalerei in Teotihuacan, in der eine hochrangige Persönlichkeit ein Buch zu halten scheint.

Die Debatte geht weiter

Ob die Kultur von Teotihuacan eine echte Schrift besaß oder nicht, ist aber weiterhin umstritten. Helmke, Valdez und weitere Wissenschaftler sind fest davon überzeugt und verweisen darauf, dass es für einige der Teotihuacan-Glyphen inzwischen erste Übersetzungen gibt. „Unter diesen Fortschritten sind erste identifizierte Kalenderzeichen, Titel, Eigennamen und Ortsnamen – auch wenn diese Resultate noch nicht allgemein anerkannt sind“, so Helmke.

Andere Forscher, darunter George Cowgill von der Arizona State University, halten es für wahrscheinlicher, dass Teotihuacan keine echte Schrift besaß. Sie vergleichen die Glyphen eher mit einfachen Piktogrammen, wie sie später auch die Azteken nutzten. „Demnach waren diese Symbole nur dazu gedacht, einer multiethnischen Bevölkerung Informationen auf sprachübergreifende Weise nahezubringen“, sagt Helmke. Vergleichbar wäre dies mit den einfachen, internationalen Symbolen für Ausgang, Abflug oder Zoll, die heute unsere Flughäfen zieren.

Welche Interpretation der Glyphen stimmt, bleibt vorerst ungeklärt.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Rätsel um Teotihuacan
Auf Spurensuche in der "Stadt der Götter"

Wo die Götter wohnen
Warum Teotihuacan so einzigartig war

Das Rätsel der Glyphen
Hatten die Teotihuacanos eine Schrift?

Wer regierte Teotihuacan?
Oligarchie, Demokratie oder König?

Blutige Zeugen
Mondpyramide, Menschenopfer und die Maya

Mysterium des Niedergangs
Was brachte Teotihuacan zu Fall?

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