Brutparasitismus mit kriminellen Folgen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Kuckucks-Kinder

Brutparasitismus mit kriminellen Folgen

Nach dem Prinzip „warum sich selbst abmühen, wenn es andere dafür gibt“, legt der Kuckuck seine Eier in fremde Nester und überlässt es „Adoptiveltern“, das Küken groß zu ziehen. Auf diese Weise muss er sich nicht mit zeitraubenden Notwendigkeiten wie Nestbau, Brutpflege und Aufzucht plagen, sondern kann sich ganz darauf konzentrieren, möglichst viel von seinem Erbgut in die nächste Generation einzubringen.

Für die Wirtsvögel ist es allerdings ungünstig, wenn sie das Kuckucks-Küken anstelle ihres eigenen Nachwuchses aufziehen, da auf diese Weise ihre eigenen Gene nicht weitergegeben werden. Argwohn ist daher angebracht und viele Vögel bemühen sich in der Tat, den Schwindel aufzudecken. Gelingt dies, entfernen sie das fremde Ei. Im Extremfall geben sie sogar die gesamte Brut auf.

Im Gegenzug haben die Kuckucks das Aussehen ihrer Eier derart an den Wirt angepasst, dass diese sich kaum noch von denen der Adoptiveltern unterscheiden und in der Regel nicht bemerkt werden. Das Gen für die „Eiausbildung“ befindet sich im Erbgut des Männchens. Daher haben sich verschiedene Stämme von Kuckucks entwickelt, die jeweils auf bestimmte Wirte festgelegt sind. Je nachdem, von welchem Männchen es begattet wurde, legt das Weibchen entsprechend unterschiedliche Eier. Noch während der junge Kuckuck heranwächst, findet die Prägung auf die Zieheltern statt. So sucht er später instinktiv die Brutstätten seiner Wirtseltern auf, um seinen eigenen Nachwuchs dort aufziehen zu lassen.

Gaunerpärchen

Unsere heimischen Kuckucks führen ihren Coup im Team durch. Das Männchen begibt sich auf die Suche nach geeigneten Nestern. Geschickt lockt es die Altvögel vom Nest weg. Diesen Moment nutzt das Weibchen und macht sich an dem Gelege zu schaffen. Es frisst ein Ei auf und ersetzt es durch sein eigenes.

Junger Kuckuck im Nest © Jeff Brett

Fallen die Wirtseltern auf das untergeschobene Ei herein, haben sie das Nachsehen, denn das Kuckucks-Kind beginnt sein Leben sofort mit einer „kriminellen Handlung“, indem es seine Stiefgeschwister aus dem Nest schubst. Fortan bekommt es die alleinige Aufmerksamkeit und das Futter der Zieheltern – auch wenn es noch so anders aussieht als der eigene Nachwuchs und unter Umständen sogar sechsmal größer ist als die ausgewachsenen Wirtseltern. Diese können gar nicht anders, als sich um das bettelnde Küken zu kümmern.

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Forscher haben herausgefunden, dass der riesige rote Rachen des jungen Kuckucks bei den Wirtseltern einen starken Fütterungstrieb auslöst. Auch der vielstimmige Gesang des kleinen Vielfraßes verstärkt den Drang zusätzlich: er simuliert eine ganze Schar hungriger Geschwister. So bekommt der junge Kuckuck die Portion an Nahrung, die normalerweise ein ganzes Nest sättigen würde.

Vorgetäuschte Geschwister

Mit ganz raffinierter Strategie geht der asiatische Fluchtkuckuck vor, dessen Zieheltern Bodenbrüter sind. Lautes Schreien ist bei ihm untersagt, denn dadurch würden Räuber angelockt. Stattdessen setzt er auf Optik, wie japanische Zoologen im Mai 2005 beobachtet haben. Mit leuchtend gelben Farben auf der Innenseite seiner Flügel täuscht er ein ganzes Nest voller hungriger Schnäbel vor. Die Zieheltern gehen ihm auch prompt auf den Leim und bringen unermüdlich Nahrung zum Nest.

Die Rache der Wirtseltern

Doch es gibt Vogelarten, die nicht auf das bettelnde Küken hereinfallen und sich erfolgreich wehren. In Australien treibt zum Beispiel der Rotschwanzkuckuck sein Unwesen, der seine Eier bevorzugt in die Nester vom Prachtstaffelschwanz legt. Die Nachahmung der Eier ist so perfekt, dass sie nur sehr selten entdeckt werden. Wie gehabt befördert das Kuckucks-Küken innerhalb von 48 Stunden nach dem Schlüpfen die anderen Küken aus dem Nest. Zunächst scheint alles optimal für den Kuckuck zu laufen. Doch der Triumph währt nicht lange. Denn bereits zwei Tage später „rächen“ sich die Wirtseltern, indem sie das Nest verlassen, um an anderer Stelle neu zu nisten. Das Kuckucks-Kind muss verhungern.

Dabei ist es nicht etwa die Größe, die die Zieheltern misstrauisch macht, sondern die fremden Bettelrufe. Sie gleichen zwar in Lautstärke und Frequenz der eigenen Art, aber sie dauern länger. Doch wie kommt es, dass hier die Wirtseltern dem verführerischen Schlüsselreiz in Gestalt des aufgesperrten Schnabels widerstehen? Forscher haben das Verhalten britischer und australischer Wirtsvögel miteinander verglichen. „Wir wissen noch nicht, warum die australischen Wirtseltern es besser fertigbringen, Kuckucks-Küken zu verlassen als ihre britischen Artgenossen“, sagt Rebecca Kilner von der Cambridge University im März 2003. Sie vermutet, dass die längere Brutsaison in Australien dabei eine Rolle spielt. Dadurch rentiert es sich für die Vögel eher, einen Brutversuch in so spätem Stadium abzubrechen. Im Gegensatz zu den britischen Wirten, haben australische Vögel mehr Zeit, erneut ein Nest zu bauen.

Verstärkung durch die Adoptivgeschwister

Kuhstärling © U.S. Fish and Wildlife Service

Ähnlich, aber nicht ganz so „kriminell“ geht der amerikanische Kuhstärling vor. Auch er legt seine Eier in fremden Brutstätten ab, allerdings verhält sich das Küken nicht so aggressiv gegenüber seinen Nestgenossen. Es duldet ein bis zwei Stiefgeschwister um sich herum, wenn auch nur zu seinem eigenen Vorteil. Denn Forscher fanden heraus, dass das Kuhstärling-Küken mehr Nahrung abbekommt, je mehr Jungtiere auf einmal um Nahrung betteln. Ist es dagegen allein im Nest, reicht sein Rufen nicht aus, um die Eltern zu motivieren, permanent Nahrung herbeizuschaffen.

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Stand: 14.06.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Kampf um die Kinderstube
Tricks und Strategien bei der Brutpflege

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Spektakel von morgens bis abends
Leben auf dem Vogelfelsen

Aufzucht im Kindergarten
Das Sozialleben der Pinguine

Geschick mit Schnabel und Faden
Webervögel als Architekten

Brutparasitismus mit kriminellen Folgen
Kuckucks-Kinder

Leben im Harem
Straußenvögel gehen fremd

Hautnah am Geschehen
Brutpflege bei Amphibien

Familienleben – nein danke!
Verantwortungslose Schildkröten

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