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Blauwal im Untergrund

Der Riesenpilz von Crystal Falls

Wie erfolgreich die asexuelle Ausbreitungsstrategie der Pilze sein kann, zeigt auch das Beispiel des berühmten Riesen-Fungus in der Nähe des amerikanischen Städtchens Crystal Falls. Hier, an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Michigan und Wisconsin, stießen Biologen im Jahr 1992 durch Zufall auf einen zunächst alltäglich erscheinenden Holzpilz. Armillaria bulbosa, so die Fachbezeichnung für diese Hallimasch-Art.

Ein Verwandter des Hallimasch (Armillaria mellea) wurde zum Riesenpilz und erstreckt sich über neun Quadratkilometer. © CC.1.0

Er ernährt sich normalerweise von organischem Material, „Leibspeise“ sind dabei Baumwurzeln, Stümpfe und Totholz. Während gesunde, ungestresste Bäume den Pilzbefall ihrer Wurzeln in der Regel gut verkraften, kann er für schwache oder sehr junge Bäume fatal sein: Sie bekommen nicht genügend Nährstoffe und sterben ab. Für viele Bewohner der Gegend war der Pilz durchaus nicht unwillkommen, denn die braunen, lamellenbesetzten Fruchtkörper des „Honigpilzes“ sind essbar. Die Waldbesitzer allerdings konnten sich daran nur bedingt freuen, denn in ihren Forsten fielen immer wieder junge Kiefernschösslinge dem Pilz zum Opfer.

Die Biologen, einmal auf den Pilz aufmerksam geworden, entnahmen in weitem Umkreis verschiedene Proben der Pilzhyphen, um anhand von genetischen Analysen feststellen zu können, um wie viele Befallsherde es sich hier handelte. Und die Auswertung dieser Daten ergab Verblüffendes: Alle Proben aus einem Bereich von 150 Quadratmetern stammten eindeutig von nur einem Individuum! Nur ein einzelner Pilz hatte die gesamte Fläche mit seinen Hyphen unterwandert und kolonisiert.

Ein Methusalem unter den Pilzen

Die Masse der Pilzfäden im Untergrund entsprach mehr als hundert Tonnen und reichte an das Gewicht eines ausgewachsenen Blauwals heran. In weiteren Laborversuchen erkundeten die Biologen die Wachstumsgeschwindigkeit von Armillaria und kalkulierten, dass der Riesen-Pilz von Crytstal Falls mindestens 1.500 Jahre alt sein musste.

Seither sind sogar noch weitaus größere Vertreter solcher Riesenpilze entdeckt worden. Einer davon, in den Blue Mountains im östlichen Oregon gelegen, erstreckt sich über gut neun Quadratkilometer – eine Fläche so groß wie 1.665 Fußballfelder.

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Stand: 19.10.2007

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die wundersame Welt der Pilze
Überlebenskünstler im Verborgenen

Allesfresser und Katastrophengewinnler
In der Ernährung ist Vielfalt ist Trumpf

Die Strahlenfresser von Tschernobyl
Radioaktivität als Energiequelle

Feenringe und Bakterien-Autobahnen
Das Geheimnis des Pilz-Wachstums

Blauwal im Untergrund
Der Riesenpilz von Crystal Falls

Das Rätsel des Riesenstamms
Das größte Landgewächs im Devon

Feuerpilze und Sporenschleudern
Überleben und Ausbreiten durch Pilzsporen

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