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Nur in der Gemeinschaft möglich: Komplexe Bauten

Begnadete Ingenieure

Etwa 15.000 Menschen arbeiten im Empire State Building in New York. Mit über 380 Metern Höhe hätte kein einzelner Mensch ein so imposantes Bauwerk erschaffen können – dazu war die Kooperation in der Gruppe erforderlich. Auch Tiere errichten in großen Gemeinschaften oft erstaunliche Bauten, gegen die die Skyline von New York schon fast mickrig wirkt. Die hoch in die Luft ragenden Bauten der Termiten etwa sind – proportional gesehen – viermal höher als das Empire State Building. Einige Millionen Tiere leben und arbeiten darin.

Drei Meter hoher Termitenhügel in Kenia © Kreuzschnabel / CC-by-sa 3.0

Ausgeklügelte Architektur der Vielen

Bei so vielen Mitbewohnern und einer Außentemperatur von 40°C ist eine ausgeklügelte Klimaanlage vonnöten. Dazu reichen lange Gänge mehrere Meter senkrecht in die Erde, bis zum Grundwasser. Erhitzt sich die Luft außerhalb des Baus, entsteht innen ein leichter Unterdruck und kühle Luft wird von unten angesaugt. Nach diesem Prinzip wurde sogar ein Gebäudekomplex in Zimbabwes Hauptstadt Harare konstruiert. Der Architekt Mick Pearce schaffte es auf diese Weise, die Kosten für die Klimaanlage niedrig zu halten. Auch in Mitteleuropa entstehen längst moderne Großbauten nach dem Vorbild des Termitenbaus.

Auch ein Ameisenbau ist weit mehr als nur ein aufgeschütteter Hügel im Wald. Seine mit Streu bedeckte Kuppel dient als eine Art Heizkissen, das für ein günstiges Innenklima sorgt. Gerade die schrägen Sonnenstrahlen am Morgen oder Abend werden von ihr viel effizienter aufgefangen als vom flachen Waldboden. Diese Kuppel, die aus einer Innenschicht aus grobem und einer Außenschicht aus feinem Pflanzenmaterial besteht, ist von zahlreichen Kammern und Gängen durchzogen, die sich im Erdboden fortsetzen.

Die Wände der Gänge sind mit einem Gemisch aus Erde und Speichel befestigt und geglättet. Um einer Verpilzung der feuchtwarmen Kuppel vorzubeugen, schichten die Waldameisen das Pflanzenmaterial regelmäßig um. Feuchtes Material wird dabei nach außen gebracht, trockenes ins Innere. Andere Ameisenarten bilden frei hängende Luftschlösser aus Blättern, graben verzweigte Gänge unter Baumrinden oder erschaffen bis zu einem Meter hohe Gebilde aus Holzfasern, die sie mit Speichel vermischen.

Komplexe Struktur aus immer gleichen Komponenten © Richard Bart / CC-by-sa 2.5

Bienen: Arbeitsteilung im Wabenpuzzle

Honigbienen erreichen beim Bau ihrer „Inneneinrichtung“, der Waben ebenfalls erstaunliche Bauleistungen. Die sechseckigen Waben des Stocks schließen so nahtlos aneinander an, dass Ungeziefer kaum eine Chance hat, sich in unzugänglichen Hohlräumen einzunisten. Mit den Wachsdrüsen am Unterleib erzeugen die Arbeiterinnen kleine Wachsplättchen. Jedes Plättchen wiegt dabei nur 0,0008 Gramm, für nur ein Gramm Wachs sind daher 1.250 Plättchen nötig. Die stetige Arbeit der Bienen eines Stocks produziert pro Jahr immerhin ein halbes Kilo Wachs.

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Die aus diesem Wachs gebauten Waben werden nicht einfach wild aneinander gebaut. Stattdessen konstruieren die Arbeiterinnen die Wabengassen nach exakten Vorgaben. Futterwaben voller Honig liegen dabei im Außenbereich des Nests, sie sind in einem Winkel von 16-20 Grad nach oben geneigt, damit ihr Inhalt nicht heraustropft. Weiter innen folgen die Pollen- und Brutwaben – letztere sind für ihre Bewohner quasi maßgeschneidert: Die Brutwaben für Drohnen und Königinnen sind größer als Arbeiterinnenwaben. Um eine optimale Sauerstoffversorgung zu gewährleisten, legen Bienen die Waben im Stock oft diagonal zum Flugloch an.

Gewaltiges Röhrensystem im Untergrund: Prärie-Hörnchen © Luis Miguel Bugallo Sánchez / CC-by-sa 3.0

Erdhörnchen: Megacites im Untergrund

Insekten sind aber nicht die einzigen Organismen, die in der Gemeinschaft beeindruckende Bauwerke schaffen. Als die amerikanischen Siedler in den Wilden Westen vordrangen und dort die ersten Städte errichteten, ahnten sie nicht, dass sich im Erdboden bereits unterirdische Städte erstreckten, die in ihrer Ausdehnung größer waren als das heutige Stadtgebiet von Los Angeles: Riesige Erdhörnchen-Kolonien lebten dort.

Man kann sich vorstellen, wie lange die Erdhörnchen mit ihren Krallen im Boden gescharrt, wie oft sie Erde in ihren Backentaschen weg transportiert haben und welch ausgeklügeltes Belüftungssystem nötig ist, um diese Megacities zu errichten und zu bewohnen. Die Arbeit in der Gruppe hat sich anscheinend auch hier bewährt. Ein einzelnes Erdhörnchen wäre vermutlich schon an den Grabungsarbeiten für den drei bis fünf Meter langen Eingangstunnel gescheitert. Oder vorher gefressen worden, denn niemand hätte es vor einem kreisenden Steinadler oder sich nähernden Puma gewarnt. Denn auch in punkto fressen und gefressen werden spielt die Frage ob Gruppe oder Einzelgänger eine wichtige Rolle.

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Nadja Podbregar / Kerstin Fels
Stand: 30.08.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die Masse macht's
Das Erfolgsgeheimnis von Gruppen, Rudeln und Schwärmen

Gemeinschaft als Urbedürfnis
…auch beim Menschen

Leibwächter, Königin und Taxifahrer
Erfolgrezept Arbeitsteilung

Egoistisch oder selbstlos?
Gruppenbildung und Altruismus als Evolutionsvorteil

Schwesternbund statt Kindersegen
Warum das Aufopfern für Verwandte Sinn macht

Begnadete Ingenieure
Nur in der Gemeinschaft möglich: Komplexe Bauten

Gemeinsame Jagd
Die Gruppe als Fressgemeinschaft

Zielscheibe Einzelgänger
Die Gruppe als Schutz

Allein im Wald
Warum Tiger trotzdem einzeln jagen

Im Schwarm
Mit der Reisegruppe unterwegs

Alle für Eines
Schleimpilze - ein Organismus aus Amöben

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