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Basteln an der Keimbahn

Warum Gendefekte nicht gleich für immer beheben?

Eines haben alle bisher getesteten Gentherapien gemeinsam: Sie zielen ausschließlich auf Gendefekte in unseren Körperzellen. Das bedeutet, dass dieser Defekt nur bei den gentherapeutisch behandelten Patienten repariert wird. Ihre Nachkommen, sofern sie welche haben, haben weiterhin das Risiko, die defekten Gene von ihnen zu erben.

Reparatur in ganzer Linie

Anders ist dies bei der sogenannten Keimbahntherapie. Sie zielt darauf, nicht nur dem Patienten selbst zu helfen, sondern auch alle seine Nachkommen von dem Defekt zu heilen. Erreicht werden soll dies, indem die Genreparatur in den Spermien- und Eizell-Vorläufern stattfindet – den Zellen, aus denen die nächste Generation entsteht. Aber genau das ist der Haken daran: Was hier geändert wird, wirkt auf die gesamte Nachkommenschaft des behandelten Patienten – und dies eröffnet auch ganz neue Möglichkeiten der Manipulation.

Spermium an Eizelle © gemeinfrei

Eigentlich wäre das ja gar nicht so schlecht: Warum sollte man immer wieder mühselig und teuer bei jedem einzelnen Patienten Hunderte oder Millionen von Körperzellen behandeln, wenn in den Keimzellen die einmalige Änderung eines defekten Gens genügt, um auch noch alle Nachkommen dauerhaft zu heilen? Das finden auch die Befürworter einer solchen Keimbahntherapie. Außerdem sei es doch auch geradezu unethisch, Eltern die Chance auf gesunde Nachkommen vorzuenthalten, wenn es die entsprechende Technologie in Zukunft geben könnte. „Es ist schwer vorstellbar, dass eine Regierung Eltern daran hindern würde, ihren Kindern etwas zu geben, dass andere Kinder ohnehin von der Natur mitbekommen haben“, meint dazu Lee Silver, Genetiker an der Universität von Princeton und Autor des Buches „Das geklonte Paradies“.

Weg frei zur genetischen Optimierung

Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Manipulation der Keimbahn eröffnet weitaus mehr Möglichkeiten als nur Gendefekte zu reparieren. Denn rein theoretisch könnten auf die gleiche Weise auch genetische Verbesserungen ins Erbgut eingeschleust werden. Supermenschen, die dank verbesserter Gene eine größere körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit besäßen oder gegen Krankheiten immun wären. Im Extremfall könnte dies sogar, so glaubt jedenfalls Silver, zu einer genetisch determinierten Klassen-Gesellschaft nach dem Modell von Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ führen: Da die teure Technologie nicht für alle erschwinglich wäre, würde dies eine Zweiteilung der Welt in einerseits genetisch optimierte Eliten und andererseits die breite Masse der „nicht-verbesserten“ Menschen bedeuten.

Ein utopisches Zukunftsszenario? Vielleicht. Noch ist die Keimbahntherapie ohnehin in den meisten Ländern der Welt streng verboten und gilt als im höchsten Maße unethisch. Aber nach Ansicht einiger Forscher könnte diese strikte Haltung im Laufe der Zeit durchaus aufweichen. „Aber wenn es wirklich bedeutende Verbesserungen bringt, wird es fast mit Sicherheit einige Leute geben, die es nutzen. Und dadurch wiederum entsteht ein enormer Konkurrenzdruck auf den Rest von uns, auch mitzumachen“, gibt Gregory Stock, Genetiker der Universität von Kalifornien, zu Bedenken. Der Genetiker hält den ersten Einsatz einer Keimbahnmanipulation nur noch für eine Frage der Zeit: „Ich bin sicher, es wird gemacht werden. Die einzige Frage ist, wann.“

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Nadja Podbregar
Stand: 08.02.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die Gen-Reparateure
Gentherapie: Neue Chance für die Medizin?

Fehler im Code
Wie Gendefekte zu Krankheiten führen

Die erste Gentherapie
Ashanti: ein Mädchen wird zum Meilenstein

Außer Kontrolle
Der Fall Jesse Gelsinger

Krebs statt Heilung
Rückschlag bei einem Musterbeispiel

Taxi gesucht
Das Problem der viralen Genfähren

Ganz ohne Viren in die Zelle
Fettbläschen und Elektroschocks als Gen-Transporteure

Renaissance für Virentaxis
Neue Ansätze zur Reparatur defekter Gene

Marktreif
Das erste Gentherapie-Präparat

Basteln an der Keimbahn
Warum Gendefekte nicht gleich für immer beheben?

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