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Ausnahme oder Regel?

Wie häufig ist Kannibalismus?

„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das zum Mord an Artgenossen fähig ist.“ Diese Aussage galt lange Zeit bei Tierfreunden in aller Welt als unumstößliches Dogma. Doch mit der Zeit mussten diese Menschen erkennen, dass auch in der Tierwelt Brudermord und sogar Kannibalismus immer wieder zu beobachten sind. Gerade das Fressen von Tieren der eigenen Art hielten sogar Wissenschaftler bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts für ein seltenes, eher krankhaftes Verhalten im Tierreich. Mittlerweile aber konnte man in vielen Studien und Freilandversuchen nachweisen, dass bei vielen Tierarten Kannibalismus relativ häufig vorkommt.

Aggression unter Artgenossen gibt es bei Schimpansen und anderen Primaten häufiger als bei den meisten anderen Säugetieren. © USO/thinkstock

Brudermord unter Schimpansen

Dabei ist dieses Phänomen nicht auf niedere Tiere wie Einzeller oder Würmer beschränkt, sondern zieht sich durch alle Tierstämme und macht auch vor unseren „nächsten Verwandten“, den Affen – speziell den Primaten – nicht halt. Diese schmerzliche Erfahrung musste selbst Jane Goodall, die weltberühmte Ethologin, während ihrer Studien über das Verhalten von Schimpansen im afrikanischen Nationalpark Gombe in Tansania machen.

Im Rahmen von Stammeskriegen zwischen der von ihr jahrelang beobachteten Schimpansenhorde und einigen abtrünnigen Tieren kam es immer wieder zu Brudermord und kannibalistischen Vorfällen. Zumindest in zwei Fällen berichtete Jane Goodall – zu ihrem eigenen Entsetzen – dass ein Weibchen, von ihr „Passion“ genannt, andere rangniedere Schimpansenmütter überfiel, deren Kinder raubte und anschließend verspeiste.

Ein Verhalten, dass nicht ohne Auswirkungen auf Passions eigenen Nachwuchs blieb. Die Tochter der Kannibalin, die ihre Mutter während ihrer Taten anscheinend aufmerksam beobachtet hatte, wurde ebenfalls zur Mörderin, indem sie die Handlungen von Passion fast bis ins Detail nachahmte.

Komodo-Drachen bereichern ihre Speisekarte durch Artgenossen

Während Kannibalismus bei vielen Tieren nur selten und situationsbedingt vorkommt und meist nur von wenigen Individuen der Art praktiziert wird, kann der Kannibalismus bei bestimmten Spezies manchmal sogar eine der wichtigsten Todesursachen sein.

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Ein gutes Beispiel hierfür sind die Drachen von Komodo, die auf der gleichnamigen indonesischen Insel ihr seltenes, dafür aber um so spektakuläreres Dasein fristen. Erst 1912 von europäischen Forschern entdeckt, merkten die Zoologen schnell, dass sich die Warane nicht nur von Affen und Wildschweinen ernährten. Hungrige Warane bereichern ihre Speisekarte auch gerne einmal durch Artgenossen. Jungtiere werden dabei genauso zu begehrten Jagdtrophäen, wie die Kadaver verendeter Tiere.

Flucht als einzige Chance

Deshalb haben die frisch geschlüpften jungen Warane auch nichts Eiligeres zu tun, als sich schleunigst auf den nächsten Baum zu flüchten. Nur so ist Sicherheit vor den nächsten Verwandten gegeben. Beim kannibalistischen Festmahl verspeisen die Komodo-Warane zunächst die Innereien der Beute mit sichtlichem Wohlgefallen, erst dann machen sie sich über das Muskelfleisch her.

Trotz dieser spektakulären Beispiele: Genauso falsch wie den Kannibalismus im Tierreich mit dem Mythos des Exklusiven, Abartigen zu versehen, genauso falsch ist es auch, das Fressen von Artgenossen zur Regel zu erklären. Denn bei den meisten Spezies auf dieser Welt ist Kannibalismus bisher noch niemals beobachtet worden.

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Stand: 14.04.2001

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Inhalt des Dossiers

Kannibalismus
"Dinner for One" unter Artgenossen

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