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Alles wird immer größer – oder doch nicht?

Die Widerlegung der Copeschen Regel

Aus kleinen Reptilien wurden riesige Dinos, aus nur mausgroßen Ursäugetieren entwickelten sich Elefanten, Giraffen oder der Blauwal, und auch die heutigen Pferde haben ihren Ursprung in nur katzengroßen Vorfahren. Die Evolution scheint einen definitiven Trend hin zu immer größeren Formen zu haben.

Vorfahren der Pferde © Heinrich Harder

Genau dies war auch dem amerikanischen Paläontologen Edward Drinker Cope bereits vor gut hundert Jahren an verschiedenen Tiergruppen aufgefallen. Basierend auf seinen Beobachtungen formulierte der Forscher 1889 seine noch heute in vielen Lehrbüchern zitierte „Copesche Regel“. Sie besagt, dass Stammeslinien in der Evolution dazu tendieren, immer größere Formen hervorzubringen.

Obwohl die Copesche Regel lange Zeit geradezu als ehernes Gesetz im Kanon der Evolutionsforschung galt, werden inzwischen jedoch vermehrt Gegenstimmen laut. Eine von ihnen gehört David Jablonski, Paläontologe an der Universität von Chicago. Er kritisiert, dass Evolutionsforscher zu sehr dazu neigen, nur die Tierformen zu betrachten, die tatsächlich in der Größe zugenommen haben, aber dabei ignorieren, dass es daneben sehr wohl auch gleich groß gebliebene oder sogar geschrumpfte Formen gegeben hat.

„Dinosaurier sind ein gutes Beispiel“, erklärt der Wissenschaftler. „Die Leute vergessen, dass damals auch jede Menge von kleinen Dinosauriern rumgerannt sind, selbst am Ende der Dinosaurierevolution. Und auch bei den Pferden, dem Paradebeispiel für die Copesche Regel, hat es zwischendrin immer wieder auch kleinere Formen gegeben.“

Um zu testen, was an der Copeschen Regel tatsächlich dran ist, untersuchte Jablonski die Größenentwicklung von 190 evolutionären Linien von Mollusken, die gegen Ende der Kreidezeit zwischen New Jersey und Texas vorkamen. In mühevoller Kleinarbeit analysierte und verglich der Forscher mehr als 1.000 verschiedene Arten in 6.000 Einzelmessungen. Wäre die Copesche Regel allgemeingültig, wie lange Zeit angenommen wurde, müsste sich die Mehrheit der Molluskenarten in der untersuchten Zeitspanne von 16 Millionen Jahren zumindestens im Mittel zu größeren Formen entwickelt haben.

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Doch genau dies war nicht geschehen, wie die 1997 in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichte Studie demonstrierte: 27 Prozent der Arten zeigten zwar tatsächlich eine Größenzunahme, genau so viele Arten waren in diesem Zeitraum aber auch geschrumpft. Und bei 28 Prozent hatte sich einfach innerhalb der Entwicklungslinie die Spannbreite zwischen großen und kleinen Formen aufgeweitet.

„Das ist der sprichwörtliche Nagel zum Sarg von Copes Regel“, kommentierte Jablonski sein Ergebnis. „Meine Daten zeigen eindeutig, dass Größe zwar ökologisch eine wichtige Rolle spielt, aber das man daraus keine langfristige, in großem Maßstab auf die gesamte Evolution anwendbare Regel konstruieren kann.“

Inzwischen gilt die über hundert Jahre lang gültige Regel als widerlegt – unter anderem durch Jablonskis Studie. Doch wenn es die Evolution als solche nicht war, was brachte dann die Riesen hervor?

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Stand: 21.09.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Riesen im Tierreich
Erfolgsrezept oder Laune der Natur?

Das Geheimnis der Giganten
Ist das Zeitalter der Riesen vorbei?

Modell Giraffe
Was braucht ein Riese zum Überleben?

Das Rätsel der unmöglichen Riesen
Gigantismus bei Insekten und Spinnentieren

Alles wird immer größer - oder doch nicht?
Die Widerlegung der Copeschen Regel

Big is successful - manchmal
Ökologische Vor- und Nachteile der Größe

Leben in Zeitlupe
Vor- und Nachteile im Energiespargang

Riesen als Auslaufmodell?
Die Natur behält ihr Geheimnis

Wir werden immer größer...
Die Menschheit wächst

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