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Alle zehn Sekunden ein neues Opfer

Die "weisse Pest" kehrt zurück

George Orwell und Jane Austen mussten das Beste hoffen. Als sie unter der Tuberkulose litten, bestand die einzige Form der Therapie in frischer Luft und Bettruhe. In den vergangenen Jahrhunderten war Tuberkulose die Infektion, an der die meisten Menschen starben. Heute dagegen sind die hygienischen Bedingungen verbessert, es gibt Impfstoffe und zahlreiche Medikamente, wie das Streptomycin.

Tuberkulose dürfte eigentlich kein Problem mehr darstellen. Da ist es um so erschreckender, dass die „weisse Pest“ nun, nachdem sie in Industrieländern stark rückläufig war, mit großen Schritten zurückkehrt. Die Zahlen sind alarmierend. Etwa alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an Tuberkulose, pro Jahr sind es zwei bis drei Millionen. Damit ist sie die am häufigsten zum Tode führende Infektionskrankheit und fordert weltweit mehr Opfer als Malaria und Aids zusammen.

Zu früh zu den Akten gelegt

Zu früh hatte man die Tuberkulose zusammen mit Pest und Lepra zu den Akten gelegt, als eine Seuche des 19. Jahrhunderts. Die Krankheit schien so schnell besiegt, dass die Pharmaindustrie keinen Anlass sah, die Medikamente zu verbessern. Auch das Krankheitsbild wurde kaum weiter erforscht, niemand glaubte wirklich an eine Rückkehr der Erkrankung. Bei der WHO verwaiste die Tuberkuloseabteilung. Nur noch ein einziger hauptamtlicher Mitarbeiter wartete einsam und lange vergeblich auf neue Anzeichen der Seuche. Auch das Tuberkelbakterium wartete. In Elendsvierteln und in der Umwelt (es kann monatelang an der Luft überleben) lauerte es auf seine Chance. Heute befindet es sich wieder auf dem Vormarsch.

Und nicht nur in armen Ländern hält die Tuberkulose erneut Einzug. Häufig ist die Erkrankung zwar dort anzutreffen, wo das Gesundheitssystem schlecht, die Hygiene unzureichend und die Ernährung mangelhaft ist, aber nicht ausschließlich. Über Flüchtlingsbewegungen aus Krisenherden und die vielen Flugverbindungen gelangt der Erreger mühelos in zahlreiche Industrienationen. Mitte der 80er Jahre stieg beispielsweise die Zahl der Erkrankungen in den USA an. In jeder Großstadt auf der ganzen Welt gibt es aber Lücken in der Gesundheitsfürsorge. Obdachlose, Drogenabhängige, Sozialhilfeempfänger oder Alkoholiker, sie alle bieten dem sich ausbreitenden Keim gute Bedingungen. Keine Region auf der Erde scheint davor geschützt zu sein.

Eines der dringendsten Probleme sind auftretende Resistenzen bei den Tuberkulose auslösenden Bakterien. Die Krankheit selber ist heilbar, allerdings ist die Behandlung sehr langwierig. Die Medikamente müssen über einen Zeitraum von sechs bis acht Monaten kontinuierlich eingenommen werden. Bei einem vorzeitigen Abbruch, etwa weil die Patienten sich bereits besser fühlen, bilden sich resistente Keime. Vor allem in Kriegsgebieten oder sehr armen Ländern fehlt häufig einfach das Geld, um eine Behandlung fortzusetzen, es stehen nicht genügend Medikamente zur Verfügung.

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Die Zahl der antibiotikaunempfindlichen Stämme steigt derzeit dramatisch an. Da lange Zeit keine neuen Medikamente entwickelt wurden, ist die Zahl der Antibiotika gegen Tuberkulose begrenzt. Resistente Bakterien können nur sehr schwer oder gar nicht bekämpft werden. Ein Tuberkulosekranker kann im Schnitt jährlich 15 andere Menschen anstecken, resistente Keime breiten sich auf diese Weise schnell aus. Zudem ist die Therapie unempfindlicher Bakterien mehr als zehnmal so teuer, wie die einer „normalen“ Erkrankung. In den USA hat man Programme eingeführt, um die Einnahme der Medikamente über mehrere Monate hinweg zu gewährleisten. Sogenannte „Streetworker“ besuchen die Patienten und überwachen deren Schlucken der Antibiotika.

Lauern auf eine Schwäche des Immunsystems

Solch aufwendige Maßnahmen sind natürlich nicht immer machbar. Daher ist es notwendig, eine Infektion mit Tuberkulose im Voraus zu vermeiden. Schätzungen zufolge ist allerdings bereits ein Drittel der gesamten Menschheit angesteckt. Die heutigen Impfstoffe sind alleine nicht in der Lage, den Erreger abzuwehren. Als Schutz vor den Bakterien reicht die Bildung von Antikörpern allein nicht aus. Oft können sie in den Makrophagen, den Fresszellen, die den Erreger eigentlich vernichten sollen, jahrelang überleben, um dann auszubrechen, wenn das Immunsystem geschwächt ist.

Dies ist zum Beispiel bei Aids der Fall. Das vom HI-Virus geschwächte Abwehrsystem kann einer Ausbreitung der Tuberkulose kaum Einhalt gebieten. HIV-Positive haben deshalb ein 80 mal höheres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken. Ist Aids bereits fortgeschritten, ist das Risiko sogar 157 mal so hoch. In Ländern, in denen hohe Raten von HIV-Infizierten mit Tuberkulose zusammentreffen, breitet sich die Krankheit rasend schnell aus. Weltweit stirbt zur Zeit etwa jeder Dritte Aidskranke an Tuberkulose.

Doch nicht nur HIV-belastete Gebiete sind schwerpunktmäßig betroffen. Auch in Bulgarien grassiert die Tuberkulose. Ein marodes Gesundheitssystem und Armut unter der Bevölkerung sind die Hauptursachen für den Einzug der Seuche. Mit einer Therapie für 50 Mark pro Patient könnte vielen geholfen werden. Allerdings ist es fraglich, ob eine solche Maßnahme tatsächlich nutzen würde. Gleichzeitig müsste mit großem Aufwand das gesamte Gesundheitssytem gestärkt und die Zahl der Neuerkrankungen zuverlässig erfasst werden. Zudem sollte man die Einnahme der Medikamente zur Vermeidung von Resistenzbildungen kontinuierlich überwachen und die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung verbessern.

Tuberkulose ist demnach nicht die Ursache des Elends vieler Länder, sondern vielmehr eine Folge der unzureichenden Versorgung eines Gebietes mit essentiellen Gütern. Wenn diese Länder nicht in stärkerem Maße unterstützt werden, so wächst täglich die Gefahr einer resistenten Form der Tuberkulose, die nicht mehr zu heilen ist und die auch vor den westlichen Industrienationen nicht halt machen wird.

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Stand: 15.06.2000

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

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Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter

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