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Warum altern wir?

Die Wissenschaft hinter dem Alterungsprozess

Alter weißer Mann
Alterung hat viele Formen und Auslöser. Doch sowohl Verständnis wie Gegenmittel schreiten derzeit mit Riesenschritten voran. © pixabay.com, StockSnap

Leben ist untrennbar mit dem Altern verbunden. Doch was steckt hinter dem Älterwerden auf einer medizinisch-biologischen Ebene? Wie unterscheiden sich geistige und körperliche Alterung und warum laufen diese Prozesse häufig scheinbar getrennt ab? Dieser Artikel gibt einen Überblick über diese Fragen und aktuelle Erkenntnisse.

Altern als evolutionäre Notwendigkeit?

Was ist Alterung? Prinzipiell handelt es sich dabei, sehr vereinfacht ausgedrückt, um eine Verschleißerscheinung eines Organismus. Oft wird zwar der Vergleich zu Maschinen gezogen, das ist jedoch nicht treffend:

  • Biologische Alterung erfolgt nicht aufgrund von Nutzungshäufigkeit bzw. -intensität; zumindest nicht primär. Davon betroffen sind nur einige Teile des Körpers, etwa Gelenke, wohingegen es im maschinellen Bereich der vornehmliche Alterungsgrund ist.
  • Biologische Alterung ist längst noch nicht in Gänze entschlüsselt, wohingegen maschinelle Alterungsprozesse vollständig verstanden wurden.

Vor allem letzteres ist ein schwerwiegender Punkt: Es gibt nach wie vor keine kongruente Ansicht darüber, warum Lebewesen altern. Nur einige Theorien, die besonders plausibel erscheinen:

  • Erleichtertes Nachfolgen neuer Generationen, die womöglich besser an Umweltbedingungen angepasst sind. Also eine Art evolutionäre geplante Obsoleszenz.
  • Verschleiß durch Umwelteinflüsse, die den Organismus langsam zugrunde richten.
  • Leistungsverluste auf zellulärer Ebene. Ebenfalls mitunter absichtlich – würden Zellen nicht sterben, würden beispielsweise Menschen im hohen Alter mehrere Tonnen allein durch Knochenmark auf die Waage bringen. Diese These wird auch durch Forschungsergebnisse in der Natur gestützt: Ginkgo-Bäume erreichen ein sehr hohes Alter, weil ihre Schutzmechanismen auch nach vielen Jahren noch funktionieren.
  • Eine bislang noch nicht entschlüsselte genetische Codierung, abermals eine Form geplanter Obsoleszenz und mitunter vererbbar – was erklären könnte, dass häufig auch Nachkommen von Menschen, die ein hohes Alter erreichten, sehr alt werden.
  • Schädigende Nebenwirkungen durch die Vorgänge im Organismus. Etwa durch das Entstehen freier Radikaler, die sich lebenslang aufsummieren.
  • Ebenfalls aufaddierte freiwillige Lebensentscheidungen zwischen Ernährung, Schlaf, Stress und Genussmittelkonsum.

Dabei sei unterstrichen, dass die Wissenschaft trotz ihrer Uneinigkeit nicht davon ausgeht, dass ein einzelner der genannten Punkte alleinverantwortlich sei; dass es höchstwahrscheinlich eine Kombination aus mindestens zwei Faktoren ist, erscheint als plausibelste Möglichkeit.

Körperliches und geistiges Altern

Vor allem beim Menschen wird zwischen zwei Formen der Alterung unterschieden:

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  • Körperliches Altern. Dazu zählen die körperliche Leistungsfähigkeit ebenso wie die Anfälligkeit für Erkrankungen, Schnelligkeit von Heilungsprozessen, aber auch das optische Alter; etwa durch Falten.
  • Geistiges Altern. Hierzu zählen ausschließlich Prozesse des Gehirns – die sich allerdings mitunter auch auf den Körper auswirken können; etwa bei der Motorik.

Doch auch wenn diese Unterteilung zwingend notwendig ist, so lassen sich beide Punkte abermals nicht vollständig trennen. Nehmen wir das Thema Demenz. Angesichts seiner Anzeichen und Symptome erscheint es wie eine völlig auf das Gehirn bezogene Krankheit. Allerdings gibt es neben vaskulärer Demenz, die durch Mikro-Schlaganfälle entsteht, auch die Lewy-Körperchen-Demenz. Diese entsteht durch die Anlagerung von Eiweißen an den Nervenzellen des Gehirns, wodurch deren Funktionsfähigkeit gestört wird.

Ähnliche Beeinflussungen finden sich auch bei eigentlich körperlichen Alterungserscheinungen. Beispielsweise der weitverbreiteten verringerten Übertragungsgeschwindigkeit von peripheren Nerven, wodurch Reaktionen verlangsamt werden und die Empfindlichkeit abnimmt. Auch hier steht als Grund häufig eine Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit, in diesem Fall nur nicht durch Eiweiße, sondern weil sich die Nerven-ummantelnden Myelinscheiden im Lauf des Lebens mit anderen (Abfall-)Stoffen anreichern. Ähnlich verhält es sich auch bei Chonodrokalzinose, eine Arthritis-Variante, die durch die Ablagerung von Kalziumphosphatkristallen im Gelenkknorpel entsteht.

Das bedeutet: Die Trennung zwischen körperlicher und geistiger Alterung ist eine rein funktionelle und hier absolut notwendig. Auf einer dahinterstehenden Ebene der Auslöser stehen jedoch vielfach die gleichen oder zumindest ähnlichen Prozesse, wodurch eine Trennung nicht mehr angebracht ist – nicht zuletzt zeigt sich das auch daran, dass das Gehtempo, also ein körperlicher Prozess, auch Hinweise auf das geistige Alter gibt.

Warum Körper und Geist oftmals getrennt altern

Die Ursachen mögen zwar vielfach gleich sein, dennoch ist die Welt voller Beispiele dafür, dass körperliche und geistige Alterung oftmals getrennte Wege gehen –prominent am Beispiel Helmut Schmidt. Der Altkanzler blieb bis in seine letzten Lebenstage im Alter von 96 Jahren noch überaus geistig rege und wirkte keinesfalls wie eine Person kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag. Gleichsam jedoch:

  • musste Schmidt seit 2009 einen Rollstuhl nutzen,
  • trug er schon seit 1981 einen Herzschrittmacher (insgesamt brachte er es auf fünf aufeinanderfolgende Modelle),
  • war er in seinen finalen Jahren weitgehend gehörlos und
  • hatte Probleme mit der Sehfähigkeit.

Zudem gibt es auch umgekehrte Beispiele: Menschen, die körperlich erstaunlich leistungsfähig geblieben sind, aber ihr geistiges Alter nicht verbergen können; auch jenseits von Demenzerkrankungen.

Doch woran liegt dieser Unterschied? Primär an einer Tatsache: Der Körper liefert viel mehr „Angriffsfläche“ für eine Vielzahl von Alterungsprozessen. Zwar reduziert sich auch jenseits von Krankheiten die Gehirnleistung mit dem Alter, das Gehirn vermag es aber nicht nur, diese Prozesse teilweise zu kompensieren, sondern es kann Lern- und Speicherprozesse auch nach Jahrzehnten noch mit einer vergleichsweisen Jugendlichkeit absolvieren – wo es beispielsweise beim Muskelaufbau mit steigendem Alter immer schwieriger wird, die Leistungsfähigkeit zu bewahren.

Das Altern stoppen – ein ewig unerfüllter Wunschtraum?

Ewig leben, den Alterungsprozess stoppen. Dieser Wunsch beflügelt Menschen schon seit den Frühtagen des Homo Sapiens und sorgte für zahllose Ansätze philosophischer, religiöser wie naturwissenschaftlicher Art.

Nicht zuletzt die enormen Steigerungen der wissenschaftlichen Erkenntnis in den vergangenen rund hundert Jahren ermöglichten dabei vor allem auf naturwissenschaftlicher Ebene ein deutliches Fortkommen. Mit fortschreitendem Wissen über Genetik, Zellfunktionen und dergleichen wird immer klarer, wo die Schwerpunkte des Alterns liegen. Viel dazu beigetragen haben auch wissenschaftliche Arbeiten jenseits des Menschen – etwa zu den erwähnten Ginkgo-Bäumen, dazu Hummern, einigen Schildkröten-Arten, diversen Quallen und Korallen. Zuletzt erstaunte die Wissenschaft mit der Erkenntnis, dass Grönlandhaie offenbar mehrere Jahrhunderte alt werden können.

Längst nicht alles davon lässt sich auf das gleichwarme Säugetier Mensch übertragen, aber zumindest einiges, vor allem was die biochemischen Grundlagen anbelangt. Hinzu kommt eine immer leistungsfähigere pharmazeutische Industrie in Verbindung mit chirurgischen Heilmethoden. Damit stehen immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung, zumindest die Symptome des Alterns zu bekämpfen, dazu auch viele Krankheiten, die typisch für das höhere Alter sind. Und was die erst jüngst mit dem Chemie-Nobelpreis gekrönte Genschere CRISPR/Cas9 und ihre Nachfolger in allernächster Zukunft zu leisten vermögen, lässt sich aktuell noch kaum absehen.

Schon heute nähert sich die Menschheit deshalb immer stärker jener magischen Schwelle, an der Hundertjährige keine extreme Ausnahme mehr sind, sondern immer häufiger vorkommen werden. In Deutschland hat die mittlere Lebenserwartung längst die 80 überschritten, andere Länder sind noch ein gutes Stück weiter.

Ob der Tod in absehbarer Zukunft besiegt werden kann, lässt sich kaum wissenschaftlich-sachlich beantworten. Dass er jedoch immer später eintritt und sowohl körperliche wie geistige Alterung bis dahin verringert werden, ist eine Entwicklung, in der wir uns längst befinden und die ebenso längst noch nicht abgeschlossen ist.

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