Volkskrankheit Rückenschmerzen. Darum wird sie häufig falsch therapiert - scinexx | Das Wissensmagazin
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Schmerzen

Volkskrankheit Rückenschmerzen. Darum wird sie häufig falsch therapiert

Rückenschmerzen
Deutschland hat Rücken – Angeblich leiden bis zu drei Viertel aller Berufstätigen zumindest hin- und wieder unter Rückenschmerzen. © thinkstock.com, AndreyPopov

Es ist seltsam: Die Medizin schreitet behände voran. Modernste Diagnose- und Therapieverfahren wie verbesserte Röntgen­geräte, Computertomografen oder Magnet­­reso­nanztomografen erleichtern das Verständnis von Erkrankungen deutlich. Zu keiner Krankheit gab es so viele wissenschaftliche Publikationen wie zu Rückenschmerzen. Obwohl die Schmerzen häufig nicht spezifisch sind, stieg die Zahl der Operationen am Rücken zwischen 2007 und 2015 von 425000 auf 772000 pro Jahr. Es wird mit modernsten Mitteln gefräst, verschraubt und abgeschliffen. Und doch gibt es so viele Rückenleiden wie nie zuvor. Die Zahl der Menschen mit akuten oder chronischen Rückenschmerzen steigt jährlich. Mehr als 80% der Erwachsenen haben mit diesen Beschwerden zu kämpfen. Viele von ihnen gehen nicht einmal zum Arzt sondern finden sich mit den Schmerzen ab. Anders als bei anderen, zuvor als unheilbar geltenden Krankheiten wie MS scheint es beim Thema Rückenleiden keine neue Hoffnung zu geben.

An den Schmerzen ist nicht immer eindeutig der Rücken Schuld

Das Erstaunliche ist, dass Rückenschäden und Rückenleiden häufig nicht Hand in Hand gehen. Manche Betroffene haben zwar einen Schaden am Rücken, leben jedoch unbeeinträchtigt und sind weiterhin aktiv. Andere leiden immer wieder unter Schmerzen und konsultieren verschiedene Ärzte, die jedoch keine eindeutige Ursache für den Schmerz ausmachen können.

Die wahren Ursachen für Rückenschmerzen liegen häufig in der Lebensweise

Bewegungsmangel, Stress, Verspannungen, Verschleiß – die eigentlichen Gründe für Rückenleiden liegen häufig in unserer modernen Lebensweise. Aus diesem Grund haben viele Patienten selbst zahlreiche Möglichkeiten, ihr Leiden zu lindern oder die Rückenschmerzen sogar endgültig loszuwerden. Hier sind die einfachsten Methoden:

  1. Ein Leben im Sitzen. Der Rücken kennt die zwei bösen „S“: Sitzen und Stehen, und die zwei guten „L“: Liegen und Laufen. Die meisten zivilisierten Menschen sitzen den Großteil des Tages. Wir sitzen im Büro, im Auto, in der Bahn und auf der Couch. Wenn wir körperlich arbeiten, machen wir hingegen unnatürliche und belastende Bewegungen. Die Lösung: regelmäßiger, moderater Sport, vielleicht ein spezielles Bewegungsprogramm für den Rücken. Training der Bauchmuskeln, die den Rücken zusätzlich stützen. Bewegung in den Alltag einbauen, entschleunigen und sich die Zeit nehmen, Wege zu Fuß zurückzulegen.
  2. Liegen, aber richtig. Viele Menschen schlafen in abenteuerlichen Positionen. Die tagsüber schon gestauchte Wirbelsäule hat völlig verlernt, sich zu entfalten und zu entspannen. Auch nachts wird sie gekrümmt. Am entspanntesten schläft man, wenn man locker auf dem Rücken liegt. Eine spezielle Matratze gegen Rückenschmerzen hilft, den Rücken nachts optimal zu entspannen. Sie stützt und federt ab, sie erzeugt ein gutes Schlafklima und hilft bei Nachtschweiß. Übrigens: Unsere so wichtigen Bandscheiben haben keine wegen Blutzirkulation, sondern ernähren sich durch Diffusion. Im entspannten Zustand sickert die nährende Flüssigkeit in sie hinein. Darum sind wir nach dem Aufstehen auch bis zu zwei Zentimeter größer als am Abend. Umso wichtiger ist das entspannte Liegen!
  3. Schluss mit dem Stress. Schmerzen im Rücken werden häufig durch Muskelverspannungen verursacht, die wiederum eng mit dem Stresslevel eines Menschen zusammenhängen. Man „zieht die Schultern ein“ oder hat „eine Last auf den Schultern“. Man „verbiegt sich“ für sein Umfeld oder „legt sich krumm“ für seinen Arbeitgeber. Manchmal muss man „gerade gerückt“ werden, was der Chiropraktiker auf der körperlichen Ebene übernehmen kann. Im psychischen Bereich jedoch müssen wir selbst unsere Lebensweise anpassen, vor allem, wenn sie uns Probleme bereitet.

Wann ist der Gang zum Arzt angesagt?

Manche Betroffene quälen sich Nacht für Nacht mit einem schmerzenden Rücken und finden keine Ruhe. Häufig fällt der Beginn der Beschwerden mit einem bestimmten Lebensereignis zusammen. Selten treten wiederkehrende Rückenschmerzen allein auf. Sie finden sich häufig bei Menschen, die ohnehin schon unter chronischen Krankheiten leiden und geschwächt sind. Nicht immer lassen sich Belastungen vermeiden, etwa wenn es um die anstrengende Pflege von Angehörigen oder einen körperlich sehr belastenden Beruf geht. Halten die Beschwerden länger als sechs Wochen an, dann sollte ein Arzt konsultiert werden.

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Welche Hoffnung können Ärzte geben?

Trotz aller medizinischen Fortschritte sind die Möglichkeiten von Ärzten bei der effektiven Behandlung von Rückenschmerzen begrenzt. Schon die Diagnosen sind häufig nur vage, die Suche nach den konkreten Auslösern gleicht oft einem Stochern im Nebel, das von Vermutungen begleitet wird. Die Therapien sind zum Teil fragwürdig, die Zahl der Möglichkeiten ist unübersichtlich. Konservative Behandlungsmethoden konkurrieren mir´t alternativen Möglichkeiten. Ein Mediziner schickt seine Patienten zur Phy­siotherapie oder Massage, ein anderer wendet Akupunktur an oder empfiehlt einen Psychotherapeuten. Der nächste wiederum greift zur Spritze oder zum Skalpell, obwohl die Beschwerden nur selten zweifelsfrei auf Veränderungen an der Wirbelsäule zurückzuführen sind. Erfolg versprechen Methoden, die das Problem ganzheitlich angehen. Etwa die Verspannungen auf der körperlichen und der seelischen Ebene bekämpfen. Eine Spitze geben, um den schlimmsten Schmerz zu lindern, und gleichzeitig dem Patienten Methoden für die Reduktion von Stress an die Hand geben.

Fazit:

Der moderne Mensch ist leider viel zu wenig in Bewegung. Wer seine unspezifischen Rückenschmerzen dauerhaft in den Griff bekommen möchte, wird den größten Erfolg haben, wenn er sein Leben tatsächlich umkrempelt. Viel mehr Bewegung, die ganz natürlich in den Alltag eingebaut wird. Die viel beschworene Treppe anstatt des Aufzugs, eine Station gehen, anstatt mit der Bahn zu fahren. Übergewicht vermeiden und Stress reduzieren. Eigentlich kennt jeder diese Regeln, doch die wenigsten Menschen wenden sie konsequent im Alltag an. Der Leidensdruck muss häufig erst ins Unermessliche steigen, bis der Mensch von seinen geliebten Gewohnheiten ablässt. Am einfachsten kann der neue Lebensstil in kleinen Schritten ins Leben integriert werden, die den „inneren Schweinehund“ der durch das Festhalten am Gewohnten eigentlich nur Ressourcen sparen will, zu überlisten.

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