Antikörper: Allzweckwaffe und Hoffnungsträger der Medizin - scinexx | Das Wissensmagazin
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Biotechnologie

Antikörper: Allzweckwaffe und Hoffnungsträger der Medizin

Mikroskopie
Die sogenannten monoklonalen Antikörper sind die großen Hoffnungsträger der aktuellen Wirkstoffforschung. © unsplash.com, Florianópolis, Brazil

Sie gelten als Durchbruch in der Medizin – der Weg von der Entdeckung bis zum großflächigen therapeutischen Einsatz von Antikörpern war allerdings lang. Wir blicken auf die Entwicklung der medizinischen Hoffnungsträger zurück.

Ende des 19. Jahrhunderts fiel jedes zweite Kind der ansteckenden Infektionskrankheit Diphterie zum Opfer. Der Mediziner Emil von Behring entdeckte im Blut infizierter Tiere sogenannte Antitoxine und setzte sie erfolgreich im Kampf gegen Diphterie und Wundstarrkrampf ein – das machte den 1854 in Westpreußen geborenen von Behring zum „Retter der Kinder“ und Begründer einer neuen Therapie mit Antikörpern. Dass seine Entdeckung einmal in der Medizin so vielfältig eingesetzt werden würde, konnte von Behring damals nicht ahnen.

Antikörper kommen bei zahlreichen Krankheiten zum Einsatz

Der große Durchbruch ließ allerdings bis in die 1970er-Jahre auf sich warten. Seitdem ist es dank der Entwicklung der sogenannten Hybridtechnologie möglich, die für den Einsatz in der Medizin notwendigen monoklonalen Antikörper herzustellen. „Bis dahin konnte man Antikörper lange Zeit nur aus Blut gewinnen und nur als Gemisch unterschiedlicher Sorten“, erklärt Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa).

Heute werden Antikörper mithilfe von Zellen produziert, die dazu mit den notwendigen Genen ausgestattet wurden. Antikörper finden bei der Behandlung von zahlreichen Erkrankungen Verwendung: „Mittlerweile sind Antikörper in jedem dritten neuen Medikament enthalten“, berichtet Dr. Throm. „Sie kommen bei Krebs und Entzündungskrankheiten, bei Migräne, Asthma und chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit und Stoffwechselstörungen zum Einsatz.“

Beispiel für Antikörper-Therapie: Morbus Bechterew

Die Wirkungsweise von Antikörpern lässt sich gut am Beispiel der nicht heilbaren Autoimmunerkrankung Morbus Bechterew beschreiben. Etwa 350.000 Menschen leiden in Deutschland an der entzündlich-rheumatischen Erkrankung. Sie betrifft meist die Wirbelsäule und ist mit starken Schmerzen verbunden. Die Symptome beginnen schleichend mit immer stärkeren Rückenschmerzen, häufig im unteren Rücken und Gesäß. Im frühen Stadium wird die chronische Krankheit häufig nicht erkannt, da Betroffene bei Schmerzen im Rücken meist einen Orthopäden aufsuchen. Für die Diagnose und geeignete Therapie ist jedoch der Rheumatologe der Spezialist.

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Durch die konsequente Behandlung von Morbus Bechterew lassen sich bleibende Wirbelsäulenschäden, die Schmerzen verursachen und die Beweglichkeit einschränken, in vielen Fällen verhindern. Die Behandlung basiert auf zwei Säulen: gezielte Krankengymnastik unter professioneller Anleitung (Physiotherapie) und Bewegungstraining in der Freizeit sowie die medikamentöse Behandlung.

Im ersten Schritt verschreibt der Rheumatologe sogenannte nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) mit Wirkstoffen wie Diclofenac und Ibuprofen. Helfen diese nicht ausreichend, kommen Biologika mit Wirkstoffen wie Secukinumab zum Einsatz. Biologika sind biotechnologisch hergestellte Antikörper, die bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe des Körpers ausschalten. Im Fall von Secukinumab richtet sich die Wirkung gezielt gegen Interleukin-17A – ein Botenstoff, der für die Entzündungsreaktion bei Morbus Bechterew eine wichtige Rolle spielt. Erhalten Patienten in regelmäßigen Abständen Biologika verabreicht, können Entzündungen und damit verbundene Beschwerden deutlich gelindert werden.

Aktuell erproben Wissenschaftler den Einsatz von Antikörpern bei Alzheimer und versuchen parallel, ein bestehendes Problem zu lösen: „Antikörper bestehen aus mehr als 20.000 Atomen und erreichen aufgrund ihrer Größe noch nicht jede Stelle des Körpers,“, weiß Dr. Throm. „Deshalb entwickeln Pharmakologen Medikamente mit verkleinerten Antikörpern, damit diese künftig gegen noch mehr Krankheiten und mit weniger Nebenwirkungen einsetzbar sind.“

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