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Freitag, 10.02.2012
Klimawandel: Umsiedeln als letzte Rettung?
„Assisted Migration“ als Mittel gegen schnelles Artensterben wieder diskutiert
Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind durch den rapiden Klimawandel gefährdet. Gibt es Wege, ihnen beim Überleben zu helfen? Genau diese Frage hat nun eine interdisziplinäre Forschergruppe untersucht. Methoden wie die „Nachhilfe zur Umsiedlung“, die lange Zeit als zu radikal galten, rücken nun plötzlich wieder in den Mittelpunkt der Diskussion, wie sie in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) berichten.

Eisbären auf schwindendem Meereis
Eisbären auf schwindendem Meereis
© Leibniz-Institut für Meereswissenschaften Eisbären auf schwindendem Meereis
Noch vor zehn Jahren galt die so genannte „assisted Migration“, das Umsiedeln von Tieren oder Pflanzen in andere, sie weniger gefährdende Lebensräume als tabu, als zu starker Eingriff in die Natur. Biologen fürchteten, die Tiere könnten im neuen Habitat das ökologische Gleichgewicht empfindlich stören, indem sie beispielsweise einheimische Arten verdrängen oder sich zu stark vermehren.

Klimawandel zu schnell für viele Arten
Doch in Zeiten des Klimawandels und der immer stärkeren und sich beschleunigenden Bedrohung zahlloser Arten, muss umgedacht werden. Dieser Ansicht sind jedenfalls die Mitglieder einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, die von Jessica Hellmann und Jason McLachlan von der University of Notre Dame, Dov Sax von der Brown University und Mark Schwartz von der University of California in Davis geleitet wurde.

Die Wissenschaftler plädieren dafür, bisherige Tabus aufzuheben und aktive Maßnahmen wie die Umsiedelung als letzte Rettung gefährdeter Arten in Betracht zu ziehen. „Es ist inzwischen extrem offensichtlich, dass der Klimawandel eine Realität ist und das er schnell und stark wirkt”, erklärt Hellmann. „die Konsequenzen sind innerhalb von Jahrzehnten zu erwarten, nicht in Jahrhunderten. Daher scheint Handeln jetzt wichtiger als noch vor zehn Jahren, als die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre noch niedriger waren.“

Nichts tun könnte schlimmer sein als zu handeln
Nichts zu tun, könnte inzwischen sogar schlimmere Folgen nach sich ziehen als die umstrittenen Maßnahmen argumentiert die Forscherin. „Wir konnten früher sagen: ‚Lasst der Natur ihren Lauf.‘ Aber weil wir Menschen die Welt bereits verändert haben, gibt es keinen Lauf der Natur mehr“, so Hellmann. „Jetzt hat sowohl Handeln als auch Nichthandeln potenziell negative Konsequenzen.“ Nach Ansicht der Forscher müssen daher nun neue Werkzeuge und Ansätze entwickelt werden, um diese negativen Folgen zu verringern.

Dabei ist die Hilfe zur Umsiedelung nicht die einzige kontrovers diskutierte Strategie. Andere Ansätze beinhalten die Düngung der Ozeane um ihre Aufnahme von CO2 anzuregen, die Erhaltung und Anlegung von großen Grünkorridoren über tausende von Kilometern hinweg oder die Konservierung genetischer Vielfalt in Form von Genbanken.

Zu schneller Wandel für die Natur?
Viele Tier und Pflanzenarten haben frühere, langsam ablaufendere Phasen des Klimawandels überlebt, indem sie sich weiterentwickelten oder aus eigener Kraft in besser geeignete Habitate umsiedelten. Aber solche Überlebensstrategien werden heute größtenteils verhindert oder zumindest erschwert. Zum einen versperren Siedlungen und andere menschliche Bauten den Lebewesen den Weg auf ihren Wanderungen.

Zum anderen aber ist die Geschwindigkeit des jetzigen Klimawandels weitaus höher als die der vorherigen. Bis zu sechs Grad in der nächsten hundert Jahren – diese Erwärmung ist für die Natur geradezu ein Hitzeschock. Daher werden nach Schätzungen der Forscher bald zahlreiche Spezies in der Falle sitzen, gefangen in Lebensräumen, die zu heiß, zu trocken oder anderweitig für sie ungeeignet geworden sind. Als Folge sterben sie aus oder verlieren genetisch wichtige Teile ihrer Populationen. Im Gegenzug könnte ein solcher Verlust ganze Ökosysteme schwer schädigen.

Kur mit Nebenwirkungen
Die Kernfrage bei der Hilfe zur Umsiedelung ist letztlich: Reicht unser Wissen aus um vorherzusagen, wie die Lebewesen sich am neuen Ort verhalten und ob sie eine Gefahr für die dort lebenden Organismen darstellen? „Das Ergebnis vergangener absichtlicher oder versehentlicher Einführung von Arten in neue Habitate haben uns eine ganze Menge über die Auswirkungen solcher Handlungen gelehrt“, so David Richardson von der Stellenbosch University in Südafrika und Hauptautor der Studie. „Prognosen darüber, ob eingeführte Arten sich in einem neuen Lebensraum einfügen werden aber auch in Zukunft immer Unsicherheiten beeinhalten.“

Werkzeug hilft bei Entscheidung und Bewertung der Risiken
Allerdings könne man heute Prognosen mit relativ begrenzten Fehlerspektren aufstellen. Die Wissenschaftler entwickeltem dafür ein Werkzeug, das bei der Entscheidung helfen soll, indem es Risiken, Kosten und Nutzen mit einbezieht und aufzeigt. Konkret liefert es auch ein System, mit dem eine potenzielle Umsiedlung anhand von multidisziplinären Kriterien bewertet werden kann. Diese Kriterien beinhalten unter anderem die Erfolgswahrscheinlichkeit, sein Potenzial für Schäden an den bestehenden Ökosystemen, die Kosten sowie die soziale und kulturelle Bedeutung der betroffenen Arten.

„Das Werkzeug profitiert davon, dass Wissenschaft uns zwar nicht genau sagen kann, was in der Zukunft geschehen wird, sie aber Auskunft darüber gibt, wie wahrscheinlich ein positives Ergebnis ist”, erklärt Nancy Huntly, Programmdirektorin der National Science Foundation der USA. Die Entscheidung allerdings muss dann noch immer der Mensch fällen.
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