Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Unter Hochdruck: Wasser-Dampf-Strömungen vor der Kamera
Versuchskammer macht extreme Strömungen sichtbar
Wie Wasser und Dampf bei 50-fachem Normaldruck und einer Temperatur von 264 Grad durch eine Leitung strömen, hatte bisher noch niemand direkt beobachten können. Doch jetzt haben Forscher eine spezielle Versuchskammer entwickelt, die solche extremen Strömungen sichtbar macht. Wichtig ist dies beispielsweise, um das Verhalten des Kühlwassers bei einem Leck in einem Atomkraftwerk zu beurteilen.

Dampf-Wasser-Strömung bei 5 Megapascal (50-facher Normaldruck) und 264° C
Dampf-Wasser-Strömung bei 5 Megapascal (50-facher Normaldruck) und 264° C
© FZD Dampf-Wasser-Strömung bei 5 Megapascal (50-facher Normaldruck) und 264° C
Flüssigkeits-Gas-Strömungen haben zahlreiche Anwendungen in der Chemie-, Öl- und Energiewirtschaft. In kerntechnischen Anlagen ist die Kenntnis der Strömungsvorgänge besonders wichtig, um die Sicherheit der Anlagen bewerten zu können. So fließt zum Beispiel in einem Druckwasser-Reaktor im ersten Kreislauf normalerweise nur Wasser unter hohem Druck und bei Temperaturen um 300° C.

Die im Reaktor in Form von Wärme freiwerdende Energie wird durch das Wasser aufgenommen und in einem Dampferzeuger an einen zweiten Kreislauf abgegeben, der die Turbinen mit Dampf versorgt. Käme es im ersten Kreislauf zu einem Leck, würde in diesem infolge des damit verbundenen Druckabfalls Dampf entstehen. Zahlreiche aktive und passive Maßnahmen sind vorgesehen, um in einem solchen Störfall das sichere Abschalten und Kühlen des Reaktorkerns zu gewährleisten.

Experiment bei 70fachem Luftdruck
Eine der Aufgaben des Instituts für Sicherheitsforschung im Forschungszentrum Dresden-Rossendorf (FZD) ist es, Strömungsphänomene für Wasser-Dampf-Strömungen in Teilen des nuklearen Kühlkreislaufs experimentell zu untersuchen und zu modellieren. Da solche Experimente aus Kostengründen nicht im Maßstab 1:1 durchgeführt werden können, sollen ausgefeilte Computersimulationen der Strömungsvorgänge helfen, die experimentellen Ergebnisse von skalierten Versuchsanlagen auf den realen Maßstab zu übertragen.

Für solche Experimente steht im FZD die TOPFLOW-Anlage zur Verfügung. TOPFLOW ist das Kürzel für „Transient twO-Phase FLOW“ (transiente Zweiphasen-Strömung) und ist eine der großen Versuchsanlagen im Forschungszentrum. Die Anlage dient der experimentellen Untersuchung von Dampf-Wasser- und Luft-Wasser-Strömungen. Ein elektrischer Dampferzeuger mit einer Leistung von 4 Megawatt erlaubt die Erzeugung von bis zu 1,5 Kilogramm Dampf pro Sekunde bei 7 Megapascal, d.h. dem 70-fachen des normalen Luftdrucks.

Druckkammer bisher blickdicht
Bisher war es unmöglich, Strömungen von Wasser und Dampf bei hohem Druck und hohen Temperaturen großflächig sichtbar zu machen, denn Anlagenkomponenten, die solchen Drücken standhalten müssen, sind üblicherweise aus massivem Stahl, sind also für Kameras undurchdringbar. Eine am FZD entwickelte Versuchstechnik erlaubt es, Experimente zu unterstellten Störfällen in Kernreaktoren in einer Druckkammer zu betreiben. In dieser Kammer stehen die eigentliche Versuchsstrecke und die Behälter-Atmosphäre im Druckausgleich, so dass die Konstruktionskomponenten des Versuchsaufbaus keinen hohen Druckdifferenzen ausgesetzt sind.

Direkte Beobachtung jetzt möglich
Damit können die Wände der Komponenten mit großen Beobachtungsfenstern versehen werden, was den Einsatz von Hochgeschwindigkeits-Videokameras erlaubt. Die so gewonnenen Daten sind wegen ihrer hohen Orts- und Zeitauflösung einmalig und sind mittlerweile auch international begehrt. Videobeobachtungen sind besonders wertvoll, weil sie Daten in hoher Zeit- und Ortsauflösung liefern. Deshalb werden sie schon lange zum Beispiel bei der Untersuchung von Luft-Wasser-Strömungen in Plexiglas-Kanälen bei Umgebungsdruck eingesetzt. Mithilfe der neuen Druckkammer können nun auch Wasser-Dampf-Strömungen unter hohem Druck gefilmt werden

Daten für Sicherheitsanalysen
Weltweit erstmalig wurden so im FZD komplexe Dampf-Wasser-Strömungen bei einem Druck bis zu 5 Megapascal großflächig (ca. ein auf ein Meter) mit einer Hochgeschwindigkeits-Videokamera beobachtet. Die Geometrie ist dabei an den so genannten Heißstrang eines deutschen Druckwasser-Reaktors angelehnt. So bezeichnet man jene große Rohrleitung, in der das heiße Kühlwasser vom Reaktor zum Dampferzeuger fließt. Dampf und Wasser strömen in dieser Leitung bei einem Störfall in entgegen gesetzten Richtungen und behindern sich gegenseitig. Der Dampfstrom begrenzt den maximal möglichen Wasserstrom, der in den Reaktorkern zurückfließt und zur Kühlung des Kerns beiträgt. Die genaue Kenntnis über diese Begrenzung des Wasserstroms ist für Sicherheitsanalysen entscheidend.

Die Daten bilden eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung von SImulationsprogrammen und können damit am Ende für die Auslegung, Optimierung und Sicherheitsanalyse von Kernkraftwerken und anderen technischen Anlagen genutzt werden. Erst wenn die Computerprogramme die komplizierten Dampf-Wasser-Strömungen richtig berechnen können, wird man auf derart aufwendige Experimente verzichten können.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Wasser, Dampf, Druck, Kühlwasser, Atomkraftwerk, Leck, Leitung, Strömung, Kraftwerk, Energie, Physik, Kamera
Weitere News zum Thema
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Der Unfall von Tschernobyl
Eine Bilanz 20 Jahre danach
Mini-Kraftwerke für Zuhause und unterwegs
Brennstoffzellen – wie weit ist die Entwicklung?
Wie grün ist der „grüne“ Strom?
Ein ökologisches Vorzeigeprodukt in der Diskussion
Kugelblitze aus dem Wasserbecher
Dem Rätsel der leuchtenden Feuerbälle auf der Spur
News des Tages
Schweinegripe-Virus weniger gefährlich als frühere Influenza-Pandemien?
Nacheiszeit-Klima des Nordens und Südens unabhängig
Gegenseitiges „Abhören“ gibts auch bei Fledermäusen
Schweinegrippe: 4.000 Fälle in den USA prognostiziert
Gehirnnervenzellen leisten Nachbarschaftshilfe
Unter Hochdruck: Wasser-Dampf-Strömungen vor der Kamera
Bücher zum Thema
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Wasserstoff und Brennstoffzellen
Die Technik von morgen von Sven Geitmann
Tschernobyl
Nahaufnahme von Igor Kostin und Thomas Johnson
Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?
Der Wettlauf um die Lagerstätten von Hermann-Josef Wagner
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes