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Sonntag, 22.01.2017
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MS: Was lockt weiße Blutkörperchen ins Gehirn?

Neue Ansätze für die Behandlung der Multiplen Sklerose entdeckt

Multiple Sklerose (MS) ist nicht heilbar. Die genaue Ursache dieser Autoimmunerkrankung ist noch immer unbekannt, die Medizin kann nur die Symptome bekämpfen. Jetzt jedoch ist ein internationales Wissenschaftlerteam einen großen Schritt weitergekommen: Die Gruppe entschlüsselte den Mechanismus, der die zerstörerisch auf das Nervensystem einwirkenden Leukozyten in das Gehirn lockt. Daraus ergeben sich neue Ansätze für die Behandlung von MS-Patienten, wie die Forscher in „Nature Medicine“ berichten.
Blutzellen: rotes Blutkörperchen, Thrombozyt, weißes Blutkörperchen (Leukozyt)

Blutzellen: rotes Blutkörperchen, Thrombozyt, weißes Blutkörperchen (Leukozyt)

„Die Leukozyten, auch bekannt als Weiße Blutkörperchen, stellen eine Art Gesundheitspolizei des Körpers dar. Sie zirkulieren ständig im Blutstrom unseres Körpers und patrouillieren durch die Gefäße aller Organe", erläutert Professor Lydia M. Sorokin, Biochemikerin an der Universität Münster. Wo immer eine lokale Entzündung auftritt, dahin wandern die nur etwa zehn Tausendstel Millimeter großen Zellen, um dort die Entzündungsreaktion voranzutreiben. Doch bei der MS werden unterschiedliche Leukozyten in das Hirn gelockt, wo sie beispielsweise in der Form von T-Lymphozyten gegen Proteine des zentralen Nervensystems vorgehen, diese beschädigen und dadurch das Nervensystem mehr und mehr zerstören.

Woher aber "weiß" der einzelne Leukozyt, wo er die Blutbahn verlassen muss? Denn der Weg in die entzündeten Gewebebereiche führt zwangsläufig durch die Gefäßwand - und die ist nicht an jeder Stelle passierbar. Diese Frage stand im Mittelpunkt der Studie, denn sie ist von entscheidender Bedeutung bei der
Multiplen Sklerose.

Durch die Isolierschicht des Gefäßes


Leukozyten treiben passiv mit dem Blutstrom, kommunizieren aber ständig mit der Blutgefäßwand, um abzufragen, ob dort relevante Signale gezeigt werden. Ist das der Fall, durchwandern sie zunächst die Endothelzellschicht und stoßen dann auf die nächste Barriere, die Basalmembran. "Die kann man mit der
Isolierung eines Elektrokabels vergleichen; sie umhüllt und verschließt das Gefäß", so Sorokin. Um diese Hürde auf ihrem Weg zu den Entzündungsherden zu überwinden, suchen die Leukozyten nach einer geeigneten Stelle in der Basalmembran, die durch eine bestimmte Mischung von Proteinen gekennzeichnet
ist.

Die Hirnregion stellt hierbei einen Sonderfall dar: Da das menschliche Gehirn ohne eine sorgfältige Abschottung gegen Moleküle aus dem restlichen Körper nicht funktionsfähig wäre, schirmen die dortigen Blutgefäße es besonders gut ab. Nur in bestimmten Fällen dürfen die Substanzen und Zellen, die mit dem
Blutstrom herangeschwemmt werden, die „Absperrung" passieren, die in diesem Bereich zudem aus mehr Schichten besteht. Erst Erkrankungen machen diese so genannte Blut- Hirn-Schranke durchlässig - so die Multiple Sklerose.


Ziel: Leukozyten aussperren


„Das heißt: Wenn wir verstehen, wie und wo genau die Leukozyten die Barriere durchdringen, können wir sie aussperren und so die zerstörerischen Prozesse vermeiden, die der Infiltration folgen. Die Abwehrkräfte der MS-Patienten blieben dann erhalten", beschreibt Sorokin das Ziel der Studie. Die jetzt in "Nature Medicine" publizierte Forschungsarbeit belegt, dass sich T-Lymphozyten an einem bestimmten Proteintyp in der Basalmembran, den Lamininen, orientieren.

Protein als „Torhüter“


Anhand von Mäusen mit einer Experimentellen Autoimmun-Enzephalomyelitis (EAE) konnte Sorokins Gruppe nachweisen, dass sie genau dort das Blutgefäß im Gehirn verlassen, wo das Protein Laminin alpha-4 in der Gefäßwand steckt. Tiere, deren Gefäße hauptsächlich ein anderes Laminin, die alpha-5-Variante, in ihrer Basalmembran tragen, zeigen hingegen eine schlechte Durchlässigkeit. Die EAE ließ sich bei ihnen nur schwer auslösen, und auch dann kam es nur zu einer sehr milden Form der Erkrankung mit einer erheblich geringeren Zahl von T-Lymphozyten im Gehirngewebe.

Ähnliche Ergebnisse erzielten die Wissenschaftler mit Mäusen, bei denen der Rezeptor, also die "Antenne", zur Erkennung des Laminin alpha 4 an den T-Lymphozyten fehlt oder bei denen das Zusammenspiel zwischen dem Rezeptor und dem Laminin durch spezielle Hemmstoffe blockiert wurde. Aufgrund dieser
Experimente steht nun fest, dass die T-Lymphozyten spezifische Rezeptoren und Mechanismen nutzen, um die Basalmembran der Gefäße abzutasten, bevor sie in das Gehirn einzudringen.

Blockade der T-Lymphozyten als Therapie?


„Andere Leukozyten reagieren nicht in dieser Form. Damit haben wir nun einen Ansatzpunkt, um das Fortschreiten der Multiplen Sklerose durch Sperrung des Zustroms von T-Lymphozyten zielgenau zu blockieren", freut sich Lydia Sorokin. Außer ihrem Institut wirkten sieben weitere Einrichtungen aus Deutschland, Schweden und Frankreich an der Studie mit, die sich über insgesamt fünf Jahre erstreckte.
(Universität Münster, 04.05.2009 - NPO)
 
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