Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Lichtwellenpaket als Elektronen-Schleuder
An den Grenzen des photoelektrischen Effektes
Über den klassischen Photoeffekt hat Einstein 1905 bewiesen, dass Licht auch Teilchencharakter hat. Doch bei extrem hohen Lichtintensitäten geschehen dabei merkwürdige Dinge und die Wechselwirkung zwischen Licht und Materie scheint anders zu sein, als bisher angenommen. Das haben jetzt deutsche Wissenschaftler in einer neuen Studie herausgefunden.

Photoionisation von Xenon
Photoionisation von Xenon
© PTB Photoionisation von Xenon
Die gängigen Modelle, die auf Einsteins Erkenntnis aufbauen, lauten vereinfacht so: Ein Photon schlägt aus einem Atom ein äußeres Elektron heraus, sofern seine Energie hoch genug ist. Doch bei Wellenlängen von nur 13 Nanometern und hohen Strahlungsintensitäten von mehreren Petawatt pro Quadratzentimeter passiert - zumindest bei manchen Atomen - etwas anderes: Bei Xenon scheint ein ganzes Lichtwellenpaket gleich eine Vielzahl von inneren Elektronen herauszuschlagen.

Dieser Effekt ist stark abhängig vom Material und nicht nur von der Art der anregenden Strahlung, wie bisher angenommen. Die neuen Erkenntnisse, die die Wissenschaftler der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zusammen mit Kollegen bei FLASH in Hamburg, dem weltweit ersten Freie-Elektronen-Laser (FEL) für weiche Röntgenstrahlung, im Fachblatt „Physical Review Letters“ vorstellen, haben grundlegende Bedeutung für zukünftige Experimente der Materialforschung an den großen neuen Röntgenlaseranlagen der Welt.

Spiegel für die EUV-Lithographie testen
Eigentlich wollten die Wissenschaftler bei ihren Experimenten nur Methoden zur radiometrischen Charakterisierung von Röntgenlasern entwickeln. Sie bestrahlten verschiedene Gase, um aus der ionisierenden Wirkung des Lasers verlässliche Rückschlüsse auf dessen Stärke zu ziehen. Das Ziel: mit dem schließlich gut charakterisierten Laser zum Beispiel Spiegel für die EUV-Lithographie zu testen. Die EUV-Lithographie - EUV steht für extremes Ultraviolett - mit Wellenlängen im Bereich von 13 Nanometern gilt als die Technik der Zukunft zur Herstellung von immer kleineren Computerchips.

Doch während ihrer Versuche bei FLASH, dem neuen Freie-Elektronen-Laser (FEL) in Hamburg, mit dem sich zurzeit EUV- und weiche Röntgenstrahlung in der weltweit höchsten Intensität erzeugen lässt, stießen sie unversehens auf Dinge, die die Grundlagen der Physik betreffen.

Photon und Elektron in Wechselwirkung
Beim klassischen photoelektrischen Effekt tritt ein einzelnes Lichtteilchen (Photon) hinreichender Energie mit einem einzelnen Elektron der Materie in Wechselwirkung. Der Prozess wird durch die Einsteinsche Beziehung aus dem Jahr 1905 energetisch beschrieben und stellt einen Beleg für die Quantenstruktur des Lichtes dar.

Erst bei sehr hohen Intensitäten kommt es zur Multi-Photon-Ionisation, einem Prozess, der im Extremfall von hochintensiven ultrakurzen Lichtblitzen langwelliger Femtosekundenlaser wieder im Wellenbild des Lichtes beschrieben wird. Die entsprechenden theoretischen Modelle scheitern jedoch im kurzwelligen Röntgenbereich, wie die Experimente in Hamburg zeigen, bei denen erstmals im weichen Röntgengebiet Bestrahlungsstärken von mehreren Petawatt pro Quadratzentimeter durch starke Fokussierung erreicht wurden.

Wellenpaket von Photonen mit ungewöhnlicher Wirkung
Die vergleichenden quantitativen Studien belegen, dass der Grad der Wechselwirkung und dabei die Natur des Röntgenlichts maßgeblich durch die Struktur des Atoms und Korrelationen in vor allem inneren Elektronenschalen bestimmt werden. Im Extremfall (Xenon) scheint ein Wellenpaket von Photonen zur simultanen Emission von mehreren inneren Elektronen zu führen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Laser, Licht, Strahlung, Materie, Xenon, Elektronen, Photonen, Atome, Wellenpakete
Weitere News zum Thema
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig (09.02.2012)
Hamburger Forscher sammeln neue Erkenntnisse für einen optischen Quantencomputer
Laser schützt Satelliten vor Weltraumschrott (07.02.2012)
Genauere Überwachung könnte Kollisionsgefahr verringern
Roboter kundschaftet gefährliches Terrain aus (06.02.2012)
Hightech-Geselle erforscht und kartiert unbekanntes Gelände
Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn (03.02.2012)
Spezialmikroskop macht winzigste Veränderungen von Gehirnzellen sichtbar
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zoom aufs Atom
Nanotechnologie
Dossiers zum Thema
Albert Einstein
Wie die Zeit relativ wurde und die vierte Dimension entstand
Glas
Ein schwer durchschaubarer Stoff
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Wie relativ ist die Zeit?
Auf der Suche nach Einsteins Zeitdehnung
News des Tages
Nichts-tun verändert das Gehirn
Erwachsensein beginnt fünf Jahre nach dem Stimmbruch
Erster vollautomatischer Pollenmonitor der Welt
Anti-Aging für die Straße
Hepatitis B: Hefepilze liefern günstige Impfstoffe
Zellkern: Shuttle-Service für große Moleküle entlarvt
Lichtwellenpaket als Elektronen-Schleuder
Schweinegrippe breitet sich immer weiter aus
Bücher zum Thema
Das Wunder des Lichts
DVD der BBC
Laser
von Fritz K. Kneubühl und Markus W. Sigrist
Sie irren, Einstein!
Newton, Einstein, Heisenberg und Feynman diskutieren die Quantenphysik von Harald Fritzsch
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Einsteins Spuk
Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik von Anton Zeilinger
Einstein sagt
Zitate - Einfälle - Gedanken von Albert Einstein und Alice Calaprice
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes