Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Laserlicht schafft Riesenmoleküle
Ultrakalte Temperaturen ermöglichen neuen Bindungstyp
Die meisten Bindungen in der Natur beruhen auf der elektrostatischen Anziehung zwischen verschiedenen Teilchen: Dies reicht vom einfachen Kochsalz bis zu den Kräften, die es beispielsweise Insekten ermöglichen, an der Decke zu laufen. Deutsche Forscher haben jetzt ein neuartiges Molekül erzeugt, das ebenfalls von diesen Kräften zusammengehalten wird und aus zwei Atomen vom selben Element besteht.

Planetenmodell des Rydberg-Moleküls
Planetenmodell des Rydberg-Moleküls
© Universität Stuttgart Planetenmodell des Rydberg-Moleküls
Über den ein wenig exotischen Neuling berichten die Wissenschaftler des 5. Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“. In diesem neuartigen Molekül ist eines der beiden Atome hoch angeregt: Sein äußerstes Elektron kreist auf einer Bahn mit sehr großem Durchmesser und ist nur noch schwach an den Rest des Atoms gebunden. Man bezeichnet diese hochangeregten Atome nach ihrem schwedischen Entdecker Johannes Rydberg als Rydberg-Atome und das zugehörige Elektron auch als Rydberg-Elektron. Das zweite Atom des Moleküls befindet sich im Grundzustand.

Das Besondere an diesem Molekül ist sein Bindungsmechanismus: Er beruht ausschließlich auf dem Einfluss des Rydberg-Elektrons auf das zweite Atom. Es wird im elektrischen Feld des Elektrons polarisiert und dadurch an das Rydberg-Atom gebunden. Die Größe des Moleküls wird deshalb direkt durch die Umlaufbahn des Rydberg-Elektrons bestimmt. Damit zählt dieses Molekül mit einem Durchmesser von mehr als 100 Nanometern zu den größten bekannten zweiatomigen Molekülen.

„Verschmierte“ Elektronen
Strenggenommen bewegen sich die Elektronen in einem Atom nicht auf Kreisbahnen, sondern sind entsprechend einer räumlichen Verteilung „verschmiert“. In der Quantenmechanik wird diese durch die Wellenfunktion beschreiben. Vom Zentrum des Atoms ausgehend besitzt diese Verteilung abwechselnd Maxima und Minima. Dort, wo das Maximum am größten ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit am größten, das Elektron anzutreffen. Genau hier liegt die klassische Bahn des Elektrons.

Damit sich das neu entdeckte Molekül bilden kann, muss sich genau in diesem Abstand ein Atom im Grundzustand befinden. Da die Atome in einem Gas bei Zimmertemperatur viel größere Abstände voneinander haben und sich außerdem mit Schallgeschwindigkeit bewegen, benutzten die Physiker aus dem Team von Tilman Pfau ein ultrakaltes Gas aus Rubidiumatomen und bestrahlten dieses mit Laserlicht. Dadurch wurde das äußere Elektron von einigen Rubidiumatomen auf eine sehr große Bahn „gehoben“ und es konnten Rydberg-Atome erzeugt werden.

Charakterisierung der Moleküle
Wie lässt sich aber kontrollieren, ob dabei wirklich ein Molekül entstanden ist? Bei der Entstehung der meisten Moleküle kann der Übergang von freien Atomen zu Molekülen direkt an veränderten Eigenschaften beobachtet werden. Die Eigenschaften des neuartigen Rydberg-Moleküls werden jedoch hauptsächlich vom Rydberg-Atom bestimmt. Wegen dieser Ähnlichkeit von Atom und Molekül scheidet der konventionelle Nachweis aus.

Deshalb untersuchten die Forscher um Tilman Pfau den Prozess, der zur Bildung der Moleküle führt. Für die Anregung eines Atoms in einen Rydberg-Zustand wird eine charakteristische Energie des Laserlichts benötigt. Erzeugen sie aber ein Molekül, so ändert sich diese Energie: Sie ist genau um die Bindungsenergie des Moleküls kleiner. Um also zu prüfen, ob es sich um ein Molekül oder ein einfaches Rydberg-Atom handelt, haben die Physiker die Energie ihres Lasers in kleinen Schritten verändert und die Anzahl der entstandenen Rydberg-Atome gemessen. Durch diese Methode, bei der sie die Energie ihres Lasers mit einer Genauigkeit von eins zu einer Milliarde kennen, konnten sie das neuartige Molekül erzeugen und gleichzeitig seine Bindungsenergie bestimmen.

Neuer Bindungsmechanismus nachgewiesen
Der erstmalige Nachweis dieses neuen Bindungsmechanismus ist nach Aussagen der Forscher eine wichtige Bestätigung einer Theorie, die diese Art von Molekülen bereits im Jahr 2000 vorhergesagt hat. Daneben haben die Physiker an diesen Molekülen aber auch den Einfluss eines Elektrons auf das Grundzustandsatom sehr isoliert studiert und erstmals quantifiziert. Damit konnten sie wichtige quantenmechanische Eigenschaften des Elements Rubidium bestimmen.

Grundsätzlich können diese Moleküle nicht nur aus Rubidium, sondern aus allen Elementen gebildet werden, für die die Kraft durch ein Elektron anziehend ist, wie etwa bei den anderen Alkalimetallen. Damit ist dieser Bindungstyp auf eine Vielzahl von chemischen Elementen übertragbar.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Riesenmoleküle, Laserlicht, Bindungen, Rubidium, Elemente, Atome, Elektronen, Teilchen, ultrakaltes Gas, Rydberg, Quantenmechanik
Weitere News zum Thema
Riesen-Moleküle im Überlagerungszustand (26.11.2010)
Überlagerungsdauer erstmals gemessen und kontrolliert
Chemiker erfinden das Rad neu (05.07.2007)
Molekulare Räder auf Kohlenstoffbasis als Nanobausteine
Riesenmoleküle in sanftem Landeanflug (24.03.2006)
Erstmals synthetische Makromoleküle zu organischen Halbleitern verarbeitet
„Hochzeit“ von Eiweißen und Halbleitern? (17.06.2005)
Verknüpfung könnte zu neuen Materialien führen
Gigantischer Röntgenapparat optimiert Medikamente (20.01.2005)
Neue Strahllinie an Schweizer Synchrotron Lichtquelle einsatzbereit
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zoom aufs Atom
Nanotechnologie
Dossiers zum Thema
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Duell in der Quantenwelt
Wie Quanten Information verarbeiten
Quantencomputer
Tops und Flops beim Rechnen mit den kleinsten Teilchen
Rätsel der Wissenschaft
Von ungelösten Fragen, verblüffenden Funden und "Missing Links"
News des Tages
Sonnenwind bräunt junge Asteroiden
Pflanzen: Dicke Luft erhöht CO2-Aufnahme
Laserlicht schafft Riesenmoleküle
Rottete der Mensch die Mammuts aus?
Angriffsziele von Mikrobengiften identifiziert
Forscher züchten Eber ohne Geruch
MAGIC-II Teleskop enträtselt Gamma Ray Bursts
Bücher zum Thema
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Laser
von Fritz K. Kneubühl und Markus W. Sigrist
Das Wunder des Lichts
DVD der BBC
Welt der Elemente
von Hans-Jürgen Quadbeck- Seeger
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Faszination Nanotechnologie
von Uwe Hartmann
Sie irren, Einstein!
Newton, Einstein, Heisenberg und Feynman diskutieren die Quantenphysik von Harald Fritzsch
Einsteins Spuk
Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik von Anton Zeilinger
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes